Wenn man sich die aktuelle NFL anschaut, dann wird gerne von einem „Trainerstammbaum“ gesprochen. Also ein Coach, bei dem viele Assistenten früher oder später mal als Chef an der NFL-Linie stehen. Doch der Coaching Staff der Packers von 1992 sticht da enorm heraus. Schließlich wurden gleich fünf Assistenten von Mike Holmgren später selber Headcoach – mal mehr, mal weniger erfolgreich. Wir wollen uns die „class of ’92“ mal ansehen.

Historische Einordnung

Die Besonderheit des Coaching Staffs zieht sich nicht nur aus den Namen, sondern auch aus den Umständen der Saison 1992. Hier seine eine historische Einordnung gestattet. Seit dem Super Bowl II waren die Packers chronisch unerfolgreich, erreichten zwischen 1968 und 1991 nur zweimal die Playoffs und schafften nur dreimal einen positiven Rekord. Entsprechend stand die Saison 1992 im Zeichen des Neuaufbaus. GM Ron Wolf hatte kurz vor Saisonende 1991 seinen Posten angetreten und machte Tabula rasa. Coaching Staff raus, neuer Headcoach (Holmgren rein), neuer Quarterback am Start. Es reichte zwar nicht für die Playoffs, doch mit der besten Saison seit 1972 war der Grundstein für die recht erfolgreichen letzten 30 Jahre gelegt.

Junger Coaching Staff

Als sehr jung darf man den Coaching Staff bezeichnen. Holmgren war bei Amtsantritt bereits 43, für damalige Verhältnisse unglaublich jung als Chef. Ihm an die Seite gestellt wurden erfahrene Recken wie Sherman Lewis (OC, drei Super Bowls mit den 49ers), Gil Haskell (RB, zuvor neun Jahre bei den Rams) und Tom Lovat (OL, Coach seit 1967, in der Liga seit 1980). Aber auch junge Leute mit wenig Erfahrung wurden ihm an die Seite gestellt – Andy Reid, Jon Gruden oder Steve Mariucci waren in NFL-Kreisen fast unbeschrieben Blätter. Am Ende sollten es, wie erwähnt, fünf Coaches aus dem Staff sein, die früher oder später einen Chefsessel für sich beanspruchen konnten.

Defensive Back-Coach: Dick Jauron

Zugegeben, Jauron fällt etwas aus dem Profil – einfach, weil er als einziger Coach nicht von Wolf/Holmgren installiert wurde. Der ehemalige Safety der Lions und Bengals stand schon seit 1985 als DB-Coach in Diensten der Packers. Und der ehemalige Pro Bowler machte seine Sache gut, formte LeRoy Butler zu einem der besten Safeties der NFL-Geschichte und machte Chuck Cecil zum Pro Bowler. Jauron blieb bis 1994 in Green Bay, legte im Anschluss eine solide Karriere als Headcoach und Coordinator hin. Die Jaguars, die Bears, die Lions, die Bills und die Browns stehen in seiner Vita, dazu 143 Spiele als HC (allerdings auch nur 60 Siege) und eine Auszeichnung als Coach of the year.

Defensive Coordinator: Ray Rhodes

Ebenfalls ein wenig aus dem Profil von „jung und unerfahren“ fällt auch Ray Rhodes. Zwar war er bei Amtsantritt erst 40 Jahre alt, doch schon seit 1981 als Trainer in der NFL aktiv. Nach 11 Saisons bei den 49ers folgte Rhodes Holmgren nach Green Bay. Er konnte die Defensive stabilisieren und legte den Grundstein für das Defensivspiel der 90er. Dafür gewann er 1993 die Auszeichnung als Assistant Coach of the year. Allerdings ging er 1994 zurück zu den 49ers (wieder als DC) und gewann mit diesen den Super Bowl. Fünf Tage nach dem Triumph heuerte Rhodes als Headcoach bei den Eagles an, schaffte mit ihnen auf Anhieb den Sprung in die Playoffs und wurde ebenfalls Coach of the year. Bis 1998 war er in Phillie, eher Nachfolger von seinem Mentor Holmgren bei den Packers wurde. Doch das Verpassen der Playoffs kostete ihm anschließend den Job. Rhodes, welcher der vierte afroamerikanische Headcoach der NFL-Geschichte war, rückte danach wieder ins zweite Glied. Als DC stand er bei den Redskins, den Broncos und den Seahawks (unter Holmgren), sowie Defensive Assistant bei den Texans und den Browns. Seit 2012 ist Rhodes NFL-Karriere beendet.

Quarterbacks-Coach: Steve Mariucci

Ein echter Frischling in der NFL war Steve Mariucci. „Mooch“ war allerdings nicht ohne Erfahrung, war er doch seit 1978 als Assistent in College-Kreisen bekannt. Besonders die Zeit unter Bruce Snyder bei den California Golden Bears (ja richtig, die Alma Mater von Aaron Rodgers) war mit zwei Bowl-Siegen erfolgreich. In seinen vier Jahren formte er aus Brett Favre einen der besten Quarterbacks der 90er Jahre. Die Krönung blieb allerdings aus, denn Mariucci verließ die Packers vor der Saison 1996. Er heuerte als Headcoach bei den Golden Bears und führte diese in den Aloha Bowl, verlor aber gegen die Navy. 1997 kehrte Mariucci wieder in die NFL zurück, wurde Headcoach bei den 49ers und blieb bis 2002 am Pazifik. Es folgten weitere drei Saisons bei den Lions, ehe er seinen Coaching Job an den Nagel hing und seit dem als Analyst für das NFL-Network arbeitet. Was bleibt von ihm als HC? Immerhin eine positive Bilanz (75 Siege, 71 Niederlagen) und eine Teilnahme im NFC-Championship-Game – da gab es sicherlich schon schlechtere Karrieren. Funfact: in seiner Karriere arbeite Mariucci mit neun Hall-Of-Fame-Spielern zusammen.

Offensive Assistant: Jon Gruden

Der jüngste in der 5er-Combo der zukünftigen Headcoaches war 1992 Jon Gruden. Zu Saisonstart 28 Jahre alt war nicht unbedingt absehbar, welche Karriere Gruden hinlegen sollte. Oder doch? Immerhin stieg Gruden 1993 zum Wide Receiver-Coach auf und machte mit dieser Postionsgruppe um Sterling Sharpe einen sehr guten Job. So gut, dass er die Eagles ihn 1995 als Offensive Coordinator verpflichten – Ray Rhodes sei dank. 1998 kam dann der erste Headcoach-Job für Jon Gruden. Bei den Raiders brauchte es aber zwei Jahre Anlauf, ehe in Oakland ein Playoff-Team auf dem Platz stand. Doch 2000 schafften es die Raiders sogar ins AFC-Championship-Game und hatten eine positive Zukunft vor sich. Doch „Chucky“ zog es 2002 zu den Bucs und direkt im ersten Jahr in Tampa Bay gewann Gruden den Super Bowl als Chef – ausgerechnet gegen die Raiders. Dies machte den damals 39-Jährigen zum jüngsten Headcoach, der je den Super Bowl gewann. Bis 2008 blieb er dann bei den Bucs, konnte aber an den großen Erfolg nicht mehr anknüpfen. Nur in zwei weiteren Saisons schafften es die Bucs überhaupt in die Playoffs. Nach seiner Zeit in Florida wurde Gruden ebenfalls Analyst im TV, kehrte aber 2018 ins Geschäft zurück. Sein Vertrag (10 Jahre, 100 Millionen) gilt als der teuerste Vertrag für einen Trainer in der NFL überhaupt. Doch den großen Erfolg hat er bei den Raiders noch nicht gefeiert. Dennoch: bei 119 zu 114 Siegen und einem Super Bowl-Triumph darf schon von einer erfolgreichen Karriere besprechen.

Offensive Line-Coach: Andy Reid

Apropos erfolgreich: Andy Reid ist wohl das Musterbeispiel eines erfolgreichen Coaches und in Green Bay hat er seine Grundlagen bekommen. Mit 34 Jahren war er jung und auf die NFL bezogen ein echter Frischling, denn der Job bei den Packers war sein Erster. Reid blieb bis 1998 in Green Bay, erst als OL/TE-Coach, dann als QB- und Assistant-Headcoach. Sein Einfluss im Super Bowl XXXI ist nicht zu unterschätzen. Kein Wunder, dass du so einen Mann nicht dauerhaft auf der Farm halten kannst und so heuerte Reid 1999 als Chef bei den Eagles an – als Nachfolger von Rhodes, der ja bekanntlich zeitgleich Chef bei den Packers wurde. Und auch baute der, zu Amtsantritt, 36-Jährige ein Team auf, dass zum Dauergast in den Playoffs werden sollte. Mit den Eagles um Donovan McNabb erreichte er zwischen 2000 und 2010 in neun von elf Spielzeiten die Endrunde. 2004 scheiterten die Eagles erst im Super Bowl an den Patriots. Nach zwei weiteren Saisons, diesmal beide ohne Playoff-Teilnahme, wurde sein Vertrag in Phillie allerdings nicht verlängert. So griffen die Chiefs zu und nahmen ihn unter Vertrag. Der Rest lässt sich am Besten in Zahlen beschreiben: seit 2013 ist Reid bei der Franchise – das letzte Mal fanden die Playoffs 2012 ohne KC statt. Die Bilanz: 91 Regular Season-Siege (71,1% Quote), nur einmal wurden die Playoffs verpasst. Dazu kommen der Sieg in Super Bowl LIV und die Endspielteilnahme vor ein paar Wochen. Auch sein „Stammbaum“, also die Trainer, welche später selbst Headcoaches wurden, kann sich durchaus sehen lassen. John Harbaugh, Doug Pederson und Ron Rivera sind da exemplarisch zu nennen. Nicht schlecht für einen Mann, der die lebende Karikatur für einen Amerikaner ist – die zahlreichen Memes sind bekannt. Aber es sei ihm gegönnt, ebenso die Tatsache, dass er mit 221 Siegen als Headcoach auf Rang neun aller professionellen Gridiron-Football-Coaches überhaupt ist.