…von Tom Brady geben uns heute den Anlass, die Defensive der Packers mal genauer zu betrachten und etwas Kontext in die Materie zu bringen, denn Brady konnte mit einem fast reinen Trikot das Spielfeld in Tampa verlassen. Unsere weiße Weste ist hingegen mit Niederlage 1 in der laufenden Saison befleckt und das hat seine offensiven wie auch defensiven Gründe. In diesem Artikel geht es um mögliche defensive Kritikpunkte und Perspektiven.

In der Kritik stand die von Mike Pettine strukturierte, organisierte und kontrollierte Defense bereits zum Ende der vergangenen Saison, denn trotz teils guter Leistungen gab es immer wieder Spiele mit klaren Problemen (vorrangig natürlich das NFC Championship Game gegen San Francisco). Beim Härtetest in Woche 6 der 2020er Saison gegen Tampa Bay konnte die Defense nicht das abrufen, was sich die Fans sowie die Packers selbst gewünscht hatten.
Lag es am System, den Spielern, der Spielzugauswahl oder nur am Training (“If you train like crap, you play like crap” – Matt LaFleur direkt nach dem Spiel)?

Im Folgenden wollen wir uns diese Punkte anschauen:
1. Mike Pettine und sein defensives System
2. verwendete Ressourcen im Bereich der Defensive/Personal

1. Mike Pettine und sein defensives System

Mike Pettine ist ein NFL-Veteran, der bereits als Headcoach bei den Cleveland Browns unterwegs war, aber auch schon erfolgreich als Defensive Coordinator bei den Buffalo Bills und New York Jets gearbeitet hat.

Pettine wurde am 10.Januar 2018 von den Packers verpflichtet, um der Defensive neue Impulse zu geben, nachdem diese sich unter Dom Capers in einem langen Tiefschlaf befunden und den gegnerischen Offenses nichts Neues mehr entgegenzusetzen hatte.

Was macht das System von Mike Pettine aus, auf was legt er wert?

Embed from Getty Images

Grundsätzlich muss man festhalten, dass Pettine als “Base Formation” auf eine 3-4 Defense setzt. Das heißt, dass er drei Spieler als “Down Linemen” (das sind, je nach speziellem System dann entweder Nosetackle und/oder Defensive Tackle und/oder Defensive End) ansieht und vier Spieler als Linebacker (2 Outside Linebacker und 2 Inside Linebacker).

Von seiner Base Formation weicht jeder Coach, so auch Pettine, natürlich auch ab, spielt verschiedene Varianten davon oder lässt auch mal in der konträr angesetzten 4-3 Defense einen Spielzug spielen (4 Linemen, 3 Linebacker) bzw. in einem Look, der dem 4-3 ähnlich sieht.

Bei Pettine hat sich über die Jahre herausgestellt, dass er gerne von seiner 3-4 Base Formation abweicht, um dann in einer sogenannten Nickel Defense zu spielen bzw. zuletzt auch in einer Hybrid Defense. Nickel bedeutet in dem Falle, dass es grundsätzlich eine 3-4 Formation ist bei der aber einer der zwei Inside Linebacker dann einem Saftey oder Cornerback weicht, um Pässe besser zu verteidigen (meist kommt dann ein Slotcorner zum Einsatz). Die Formation wird dann als 3-3-5 beschrieben (3 Linemen, 3 Linebacker, 5 Defensive Backs), kann aber, wenn man es strikt nach offiziellen Positionsangaben sieht, auch als 2-4-5 bezeichnet werden. Das ist letztlich Haarspalterei.

Seine Hybrid-Variante ist aber ein zentraler Teil seiner Abwandlung der 3-4. Bei einer klassischen 3-4 Formation hat man drei große Spieler als Linemen und zwei Outside Linebacker, die Druck über Außen machen. Pettine wandelt das gerne ab und stellt nur zwei Linemen auf und drei Outside Linebacker um ein Mehr an Druck und Variabilität zu erschaffen. Zu erkennen ist die Hybrid Formation meist dadurch, dass Za’Darius Smith Pre-Snap sich in Motion begibt oder gar teils schon als Lineman innen aufgestellt ist.

Vor- und Nachteile

Diese Formationen bringen Pettine, was er gerne sehen und haben möchte:
– Druck erschaffen, ohne Coverage zu opfern
– Gegner soll schnelle Würfe machen müssen, keine klaren Reads nach ausreichend Zeit haben
– Verwirrung stiften, das Geschehen diktieren
– Man Coverage auf dem ganzen Feld
– Protections der O-Line angreifen mit Pre-Snap Motions, Overload Pressure erzeugen (mehr Spieler greifen auf einer Seite eine kleinere Zahl an Blockern an und erschaffen damit ein Übergewicht, einen frei durchkommenden Rusher)

Man merkt schon beim Lesen, dass es hierfür natürlich bestimmtes Personal braucht, um erfolgreich zu sein.
– Die Passverteidigung muss exzellent im Bereich Man Coverage sein, denn die bevorzugt Pettine zumeist
– die Linemen inklusive der Outside Linebacker müssen flexibel sein und von verschiedenen Positionen attackieren können, denn Pettine hat gerne 7 mögliche Pass Rush Optionen als Androhung für den Gegner
– die, die dann nicht rushen, müssen auch ein solides Fundament in Pass Coverage mit sich bringen – und das erstmal in der Rückwärtsbewegung von der Line of Scrimmage, wo sie einen Rush angedeutet haben

Auch mögliche Hauptnachteile werden offensichtlich:
– durch die Overload Pressures und den Druck verstärkt durch eine Seite, wird eine andere Seite auch immer etwas offener
– die Ebene der Linebacker ist teils verweist (auch bedingt durch die Nickel Formation) und muss von den Defensive Backs mit abgedeckt werden, falls der in Coverage droppende OLB hier nicht rechtzeitig zur Stelle ist
– viel freier Raum für Big Plays verfügbar, wenn die Man Coverage nicht sitzt (gleich auf welcher Ebene)

—die Listen der Vor- und Nachteile sind durchaus erweiterbar, wir belassen es aber mal hierbei—

Ursprünge

All seine taktischen Ansichten und Strukturen stammen zum Großteil noch aus der Saison 2009 als Pettine unter Rex Ryan bei den NY Jets als DC aktiv war. Dort wurde bereits sehr viel mit Overload Pressure gearbeitet, um erfolgreich zu sein.

TeamJahrTotal yards per game (NFL Rank)Total points per game (NFL Rank)
2009NYJ253.1 (1st)14.8 (1st)
2010NYJ291.5 (3rd)19.0 (6th)
2011NYJ312.1 (5th)22.7 (20th)
2012NYJ323.4 (8th)23.4 (20th)
2013BUF333.4 (10th)24.3 (20th)
Deutlich zu sehen ist, dass die Systematik von Pettine zu Beginn überaus erfolgreich war, aber dann in allen Bereichen nachgelassen hat und letztlich nur Mittelmaß in der Liga bedeutet hat.

Über den Zwischenstopp Cleveland und ein Jahr Berater bei den Seahawks kam Pettine dann 2018 zu den Packers.

TeamJahrTotal yards per game (NFL Rank)Total points per game (NFL Rank)
GB2018354.3 (15th)25 (22nd)
GB2019352.6 (18th)19.6 (9th)
GB2020 (bis W6)347.4 (14th)27.8 (20th)
Auch hier ist ersichtlich, dass die durchschnittlichen Zahlen auf einem Platz im Mittelfeld liegen. Einzige Ausnahme die Punkte pro Spiel in der letzten Saison, als die Smith Bros hier mit individueller Klasse überzeugen konnten. Aktuell haben wir den Rückfall auf alte Werte.

Die Tabellen zeigen uns, dass Pettine (mit Rex Ryan) die Liga mit ihrem Ansatz teils überraschen konnten und auch dominant unterwegs waren. Seitdem hat sich die Liga (zum Teil?) auf die Vorlieben und Handlungen von Pettine eingestellt und/oder das Personal ist nicht ausreichend gut und/oder kann die speziellen Anforderungen nicht erfüllen. 2019 konnte er durch Amos und die beiden Smiths das Team auf sein Spielsystem anpassen und man hat einen positiven Peek bei den Punkten seitens des Gegners gesehen.

Geht man Pettine’s Record im Detail durch, dann fällt auf, dass die Defense oft nicht so mittelmäßig war, wie es die Zahlen auf den ersten Blick andeuten. Seine Defense hat nur immer ein Problem: pro Saison hat sie in mehreren Spielen ein Leistungsloch bzw. die Offense des Gegners weiß hervorragend damit umzugehen. Die Defense wird dann von der Offense dominiert, findet kein Gegenmittel und das schlägt sich auch in der Statistik dann nieder. In unserer Erinnerung ist natürlich das Spiel gegen Tampa Bay noch sehr frisch oder auch das NFC Championship Game gegen die 49ers bzw. das erste Aufeinandertreffen 2019 im November.

2. verwendete Ressourcen im Bereich der Defensive/Personal

Wir haben im Bereich Vor- und Nachteile bereits festgestellt, dass das Personal für Pettines Defense absolut wichtig ist, da es eine spezielle Form der Defense ist.

Von den Spielern der Secondary wird erwartet, dass sie auf dem Feld eine gute Deckungsarbeit in Man Coverage leisten, aber auch stets flexibel und clever zu Werke gehen. Vor allem für den letzten Punkt ist oftmals Erfahrung ein nicht zu unterschätzender Wert. Hier haben die Packers aktuell Schwächen, die gerade gegen die Buccaneers offensichtlich wurden.

Fällt ein Cornerback aus (gleich ob Alexander oder King, auch, wenn es hier sicherlich nochmal Unterschiede in der Leistung gäbe), dann müssen die Packers auf Josh Jackson zurückgreifen. Alterantiven wären nur noch Chandon Sullivan, der einen ordentlichen Slotcorner gibt und dort nur schwer ersetzbar wäre, oder Ka’dar Hollman. Ein Routinier wie Tramon Williams ist aktuell nicht mehr im Kader, der hier eine sichere Notfalloption gewesen wäre.

Embed from Getty Images

Linebacker Krys Barnes kümmert sich um Rob Gronkowski

Ähnlich stellt sich die Situation auf Linebacker dar. Der Inside Linebacker, als Herzstück der Defense und Kommunikator mit dem Coaching Staff, ist aktuell Christian Kirksey, der unter Pettine als Rookie in Cleveland spielte und das recht ordentlich. Kirksey gilt aber seit Jahren als verletzungsanfällig und muss auch aktuell pausieren. Die Optionen danach heißen Krys Barnes (UDFA) und Ty Summers (7th Rounder 2019). Barnes war die erste Wahl von Pettine gegen Tampa und hatte natürlich als Rookie, der das Team zuerst gar nicht geschafft hat, eine Monsteraufgabe vor sich: die Defense gegen einen alten Hasen wie Tom Brady zu koordinieren.

Grundsätzlich muss man anmerken, dass die Position des Inside Linebackers im Scheme von Pettine sehr wichtig ist. Neben der Funktion des Playcallers der Defense, muss der Linebacker auch als Rusher und Runstopper überdurchschnittlich gut sein. Ist er nicht am Rush beteiligt, dann sollte er aber auch in Coverage ein gewisses Level haben. Es ist offensichtlich, dass vom Pettine’schen Linebacker sehr viel auf hohem Niveau erwartet wird und wir hier teils dünn von der Menge des Personals als auch der Erfahrung aufgestellt sind.

Die Menge des Personals ist natürlich geringer als bei vielen anderen Teams, da Pettine, wie schon erwähnt, gerne nur einen Linebacker aufstellt und mit weiterem Defensive Back agiert. Das macht die Position für den alleinigen Linebacker nicht eifnacher, vor allem, wenn er, wie Krys Barnes, noch völlig taufrisch in der Liga ist und nun eine derart zentrale und vielfältige Rolle einnehmen muss. Im Nachgang wissen wir hier sicherlich Blake Martinez zu schätzen, der zwar in Coverage das ein oder andere Haareraufen bei den Packers ausgelöst hat, aber eben als Runstopper und Playcaller eine solide Basis war. Die Rolle des Linebackers im Scheme von Pettine wäre sicher nochmal einen eigenen Artikel wert, daher belasse ich es mal bei dem kurzen Schuss aus der Hüfte.

Zurück zum Spiel gegen Tampa Bay. Anhand der Stats sieht man, dass die Buccaneers auch genau wussten, wen sie attackieren wollen:
Jackson und Barnes führten die Packers bei den Tackles an, was aber auch nur bedeutet, dass Tampa das Spiel auf diese Zwei gelenkt und von Jaire Alexander z.B. ferngehalten hat.
Jackson wirkte – bis auf einen guten Runstop zu Beginn des Spiels – nicht immer auf der Höhe, hatte gute, aber auch schwächere Momente im Spiel. Er wurde klar als die Stelle identifizert, die man angreifen wollte und musste dann letztlich auch eine DPI über sich ergehen lassen, da Brady Spielzüge in Richtung Evans dank Jaire Alexanders Präsenz vermied. Dadurch wurde den Buccaneers ein deutlicher Raumgewinn durch das Foul präsentiert.

Man oder Zone Corner?

Hier muss man Josh Jackson aber auch zu Gute halten, dass Jackson im College bei Iowa ein klassischer Zone Corner war und mit Man Coverage wenig am Hut hatte. Jackson sah in seiner Rookie Saison 2018 trotzdem ein gutes Maß an Einsatzzeit, wurde dann aber von über 700 Snaps auf nur 103 defensive Snaps 2019 zurückgefahren. Sein Highlight waren 34 Snaps in Woche 5 gegen die Cowboys. In sechs Spielen der Saison 2019 sah er keinen einzigen Snap.

“Seine Zeit im 40 Yards Dash ist etwas besorgniserregend und schreit quasi schon „Zone-CB“. … Wenn Ohio States Defense dafür bekannt ist, viel Man Press zu spielen, werden bei Iowa traditionell viele Zone-Konzepte angewandt.” – Jan Weckwerth auf seinem College-Blog, 2018

https://tripleoptionblog.wordpress.com/2018/03/29/die-top-cornerbacks-dieser-draft-und-die-ewige-frage-von-man-oder-zone-coverage-i/


Auch in der aktuellen Saison wurde er in den vorherigen vier Spielen wie folgt eingesetzt: zwei Snaps gegen Minnesota, fünf Snaps gegen Detroit, null Snaps gegen New Orleans und 28 Snaps gegen Atlanta. Klingt nicht nach einem Spieler, auf den der Coach die letzten anderthalb Jahre viel gesetzt hat und setzen will. Gegen Tampa Bay stand Jackson dann aber bei jedem defensiven Snap auf dem Feld und man muss sagen, dass man die fehlende Routine teils sehen konnte und Tampa Bay das auch wusste oder im Verlauf des Spiels gemerkt hat.

Trotz der DPI muss man festhalten, dass Jackson es den Umständen entsprechend ordentlich gemacht hat an diesem Abend, wenn man auch einfach mal einrechnet, dass die Packers keinen Sack zustande brachten und Brady nur in von 5 von 27 Dropbacks überhaupt unter Druck setzen konnten. Mit Zeit und sauberer Pocket ist Brady eben ein Fuchs und weiß durchaus, was er tut. Dennoch ist fraglich, ob Jackson auf Dauer für das Scheme eine passende Besetzung ist, denn Kevin King wird zur kommenden Saison Free Agent. Es wäre also nicht überraschend, wenn zur kommenden Saison hier ein Starterposten auf Cornerback frei werden würde und bis spätestens dahin sollte klar sein, ob Jackson hier noch einen Leistungssprung machen kann oder keine Alternative darstellt, weil sein Skillset nicht passt.

Investitionen

Grundsätzlich muss man die Frage stellen, ob die Defense für das System Pettine richtig aufgebaut ist, denn wichtige Positionen sind für Pettine gute Man Corner und ein flexibler Edge Rush.
Es gab Investitionen auf dem Free Agent Markt in den Edge Rush (P.Smith, Z. Smith) und die Safeties (A.Amos). Weiterhin wurde im Draft in den letzten Jahren kräftig in die Secondary investiert, aber nicht immer mit einem glücklichen Händchen:

D. Randall als ehemaliger 1st Rounder aus dem Jahr 2016 ist bereits seit längerem Geschichte. Auch Josh Jones, ein Safety in Runde 2 2017 gezogen, konnte sich nicht durchsetzen. Jaire Alexander war 2018 natürlich ein Volltreffer, aber Josh Jackson macht bislang keinen all zu überzeugenden Eindruck. Am Draft galt Jackson seinerzeit als Steal in Runde 2, denn seine Zahlen aus dem College waren immens. Als Starter war Jackson in Iowa aber nur ein Jahr aktiv und daher schwer zu beurteilen. Darnell Savage als 1st Rounder 2019 macht bislang einen ordentlichen Eindruck auf dem Safety-Posten.

Über die Jahre hat man also viel im Draftkapital in die Secondary investiert, aber sich dadurch nicht so verstärken können wie gewünscht. Es gab teils prominente Abgänge (M.Hyde, C.Hayward z.B.), die in anderen Teams überzeugen konnten, während man selbst nur mit Rückholaktionen (T.Williams, D.House) und A.Amos entgegensteuerte und die komplette Hoffnung auf junge Spieler aus dem Draft setzte.

Embed from Getty Images

Eine Verstärkung für die Secondary, die nicht via Draft nach Green Bay kam: Safety Adrian Amos

Die Investitionen in den Edge Rush halten sich, abseits der zwei Smiths, in Grenzen. Rashan Gary wurde 2019 in Runde 1 gedraftet, hat aber auch 2020 bislang nur eine Teilzeitrolle inne. Hatte man zu Saisonbeginn gedacht, dass er sich seinem Breakout nähert, so waren die letzten Spiele (evtl. verletzungsbedingt?) zumindest vom Snap Count her wieder ein Rückschritt. In seiner Rookie-Saison stand Gary nur in zwei Spielen mehr als 20 Snaps auf dem Feld. 2020 begann die Saison mit jeweils über 50% der Snaps für ihn. Gegen New Orleans und Atlanta waren es wieder jeweils unter 20 defensive Snaps, was weniger als 30% darstellt. Weitere Verstärkung ist hier bislang nicht in Sicht, auch wenn sich Kingsley Keke als solider Rotationsspieler zu entpuppen scheint, aber dies (fast?) ausschließlich als innerer Linemen und nicht als Edge.

Pettine ist also darauf angewiesen, dass Z. und P. Smith im Pass Rush funktionieren und Alexander und King in Man Coverage ihren Job machen. Wirklich Alternativen dahinter sind rar gesät oder noch in einer Entwicklungsphase in der man ihnen keinen größeren Workload zutraut. Sicherlich kein begünstigenderer Faktor für Pettine und sein anspruchsvolles Scheme.

Konklusion

Warum ging es gegen die Buccaneers auf defensiver Seite nun schief?

  1. Der Passrush konnte auf Brady kaum Druck ausüben und wurde von der Offense Line der Buccaneers bzw. deren Coaching Staff ausgelesen. Pettine hatte keine Ideen, Adjustments oder Personal, um mehr Druck auf Brady zu generieren. Brady hatte Zeit und Ruhe um seine Plays anzubringen und konnte sie daher auch oft in Richtung der unerfahrenen Spieler in der Defense der Packers lenken.
  2. Die Coverage hat teils sehr gut funktioniert (Jaire Alexander), war aber an anderen Stellen auch mangelhaft (vornehmlich Josh Jackson). Hier muss man Jackson zwar zugutehalten, dass die Buccaneers mit Mike Evans, Chris Godwin und neuerdings auch Scotty Miller über eine der besseren Wide Receiver-Gruppen der NFL verfügen, aber trotzdem war offensichtlich, dass Jackson – Stand Oktober 2020 – seinem Draftspot als 2nd Round Draftpick nicht gerecht werden kann und er in Man Coverage im System Pettine oftmals überfordert wirkt.
  3. Nicht alles in der Defense der Packers ist schlecht, denn in vielen Spielen können die Packers guten Druck erzeugen und Jaire Alexander ist mittlerweile ein absolutes Biest und kann dominante Receiver komplett ausschalten. Für Pettine und seinen Stab geht es darum, herauszufinden, wie man auch in Spielen ein positives defensives Ergebnis erzeugen kann, wenn der Pass Rush nicht sonderlich funktioniert und es in der Secondary kleinere Ausfälle gibt.
Embed from Getty Images

Die Leistungskurve zeigt weiter steil aufwärts: Jaire Alexander, einer der besten Cornerbacks der NFL

Was sollte zukünftig passieren, dass die Packers eine weiße Weste haben und nicht mehr der gegnerische Quarterback?

  1. Pettine muss sein System anpassen. Er muss das sein, was er von den Spielern in seinem System verlangt: flexibel. Er muss sich anpassen, weiterentwickeln und neue Ideen einbringen, wenn es von Nöten ist. Die Packers sind auf einigen Positionen (ILB, CB) nicht so ausgestattet, dass Pettine sein Wunschsystem immer durchziehen kann und hier liegt es am Management, entsprechend vorzusorgen. Die Alternative heißt klar, dass sonst ein neuer DC im Frühjahr 2021 in Green Bay einziehen dürfte oder wir deutliche Bewegungen im Bereich des Personals sehen.
  2. Das Personal muss zum System passen. Eine Umwandlung von Spielertypen (bspw. Zone CB zu Man CB) kann funktionieren, muss es aber nicht. Darauf verlassen kann man sich nicht. Gerade gegen routiniertere Quarterbacks könnten die Packers sonst immer wieder ins Hintertreffen geraten, wenn Leute mit keiner bis wenig Spielpraxis in relativ neuen Spielsystemen spielen müssen.
  3. Die Packers müssen – sei es via Trade oder erst in der Offseason – hier im Bereich Veterans nachsteuern und können nicht nur darauf vertrauen, dass jeder Rookie/junge Spieler eine positive Leistungskurve aufzeigt und jederzeit ins kalte Wasser springen kann.
  4. Einfach gesagt, aber die Packers sollten im Draft etwas weniger ‘fancy’ sein. Zuletzt gab es – gerade in den frühen Runden – zu viele Spieler, die ihr Potenzial nicht in Green Bay entfalten konnten oder gar zu wenig Potenzial hatten. Möglicherweise wäre hier angebracht nicht immer auf “possible steal” auf der jeweiligen Position, sondern auf “solid guy/safe pick” zu gehen, da aus “possible steal” auch “bust” werden kann und das war es zuletzt zu häufig und schlägt sich in der Tiefe der Positionen teils wieder. Die Idee, die Secondary zu stärken, erscheint durchaus richtig, aber bei der Spielerauswahl hat man sich zu sehr von Reward in Richtung Risk bewegt.

    — Exkurs — Aus der NHL übernehme ich mal ein System, um das darzustellen. Du kannst im Draft Spieler auswählen mit Potenzial 5 (das Maximum) und Wahrscheinlichkeit 1, dieses Maximum an Potenzial zu erreichen (5 bei Wahrscheinlichkeit würde bedeuten, dass es sicher ist, dass das Maximum erreicht wird) . Hier setzt man natürlich schon darauf, dass man am Ende auch einen absoluten Spitzenspieler bekommt, der aber noch einen langen Weg vor sich hat und es sehr unsicher ist, ob dieser Spieler es auch schafft. Hin und wieder hat man aber auch die Möglichkeit einen Spieler mit Potenzial 3 oder 4 zu nehmen, der aber eine Wahrscheinlichkeit von 3 hat, anzukommen. Hier erhält man einen Spieler, der schon weiter ist und direkt helfen kann, aber insgesamt nicht derart viel Potenzial hat wie der “5er”. Aus meiner Sicht wäre eine bessere Mischung möglicherweise ein Lösungskonzept für die Packers, um nicht derart oft auf äußerst positive Entwicklungen von jungen Spielern hoffen zu müssen. Hierdurch könnte manches Mal eine ungünstige Personalsituation vermieden werden (und schon recht gute junge Spieler auf günstigen Rookie-Deals brächte es obendrein).—Exkurs Ende—

Persönliches Fazit

Die Hybriddefense ist modern und darauf ausgelegt, das Passspiel zu erschweren (beim Wurf und Catch) und demnach am Puls der Zeit. Es wäre nicht angebracht, den DC mitten in der Saison auszutauschen, aber es liegt an Pettine, nun Anpassungen vorzunehmen, um nicht ausrechenbar zu sein. Die Defensive der Packers muss mit vielen offensiven Ansätzen klarkommen und hier entsprechend reagieren. Das Personal sollte an die Vorstellungen des DC angepasst sein – dies hat man mit Deguara, Dillon und Co zuletzt auch für die Offensive getan. Viele weitere Chancen wird Pettine nicht bekommen und vermutlich wird die Partie gegen die 49ers – gleich wie fit sie sind – ein entscheidender Gradmesser hinsichtlich seiner langfristigen Zukunft in Green Bay. Wenn die Weste von Jimmy G (oder wer auch immer da “under center” steht) nicht weiß bleiben soll, dann muss Pettine aktiv werden, um die Weste der Packers möglichst sauber zu halten.