Der dritte Draft von Brian Gutekunst ist nun knapp einen Monat Geschichte. Das Ergebnis ist heiß- und vieldiskutiert. Von vielen NFL-Fans bekam man als Packersfan eine Mischung aus Häme, Unverständnis oder, im schlimmsten Fall, Mitleid zu hören. 

Aber warum fielen die Reaktionen genau so aus? Was hat Gutekunst (zusammen mit LaFleur und dem restlichen Staff) eigentlich gemacht, um entsprechend herbe Kritik zu ernten? Was steckt hinter dem Draft und der gesamten Offseason bislang? Versuchen wir mögliche Beweggründe, Strategien und Optionen zu beleuchten, um den Draft besser zu verstehen und in dieser dunklen Zeit vielleicht doch etwas Licht ans Ende des Tunnels zu bringen.

Fangen wir aber Vorne an, denn wir brauchen hier Kontext.

Draft – Develop – Repeat.
Vor Gutekunst war Ted Thompson bis Januar 2018 der General Manager der Green Bay Packers. Thompson hat vor allem ausgezeichnet, dass er sich in der Free Agency oftmals sehr zurückgehalten und das Team hauptsächlich über den Draft aufgebaut hat. Er hat viele Spieler gedraftet, sie lange behalten und entwickelt, um sie dann in der Free Agency ziehen lassen.

In 12 Jahren unter seiner Regie hat er nur neun „Major Free Agents“ unter Vertrag genommen. Major Free Agent bedeutet, dass der Spieler einen ganz normal auslaufenden Vertrag hatte und dann als Free Agent verfügbar war und nicht zuvor vom alten Team aktiv entlassen/gewaivt wurde. Als wirkliche Stützen für das Team muss man bei den Major Free Agent-Signings von Thompson natürlich CB Charles Woodson (2006) und DE Julius Peppers (2014) nennen. Mit Abstrichen kann man noch um DT Ryan Pickett (2006) und DT Letroy Guion (2014) ergänzen. 

JahrNamePositionVertrag
2006Ryan PickettDT4 Jahre, 14 Mio
2006Charles WoodsonCB7 Jahre, 53 Mio
2008Brandon ChillarLB2 Jahre, 5 Mio
2012Jeff SaturdayC2 Jahre, 7,75 Mio
2012Cedric BensonRB1 Jahr, 0,825 Mio
2014Julius PeppersDE3 Jahre, 30 Mio
2014Letroy GuionDT1 Jahr, 0,825 Mio
2016Jared CookTE1 Jahr, 2,75 Mio
2017Martellus BennettTE3 Jahre, 21 Mio
Major Free Agents Signings von Ted Thompson

In den Jahren 2006 und 2014 wurden also klaffende Problemzonen aktiv von Ted Thompson angegangen, um das Team besser zu machen. Wenn man sich vor Augen hält, dass hier zwei Mal auch Verträge unter einer Million Dollar Gehalt verteilt wurden, dann kann man klar behaupten, dass Thompson nur aktiv war, wenn er einen zwingenden Need erkannte und den nicht anderweitig (Draft oder Develop) schließen konnte. Die restliche Zeit? Draft – Develop – Repeat.

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Ted Thompson am Draft 2006 mit John Dorsey und Mike McCarthy

Ein deutliches Beispiel: Das Superbowl-Team aus dem Jahre 2011 hatte 22 Starter. Hiervon waren 16 Spieler eigens gedraftete Spieler und drei Spieler kamen ungedraftet ins Team. Das Ganze wurde um die oben gelisteten Pickett und Woodson ergänzt. Einziger anderweitiger Zugang: Howard Green, der als Waiver Claim von den Jets kam. Im gesamten Roster befanden sich nur zehn Spieler, die nicht von den Packers selbst gedraftet wurden bzw. ungedraftet waren.
Auch die anschließende Offseason wurde ganz im Stile eines Thompson abgewickelt. Man draftete still und leise und ein paar Spieler verließen das Team/wurden entlassen. Neuzugänge? Im Prinzip Fehlanzeige abseits der Drafts und dem Re-Signing von AJ Hawk. Keine Verstärkung wurde an Land gezogen oder das Team fast nur durch Rookies ergänzt. Alles sollte bleiben, wie es war, und neue, junge Spieler ergänzten den Roster.

Über die Jahre vollführte Thompson selbiges Schauspiel regelmäßig und kassierte für Spieler, die das Team verlassen hatten und woanders für solide/große Geldmengen unterschrieben, sogenannte Compensatory Picks.

Seit der Einführung der Compensatory Picks im Jahre 1994 haben nur drei Teams mehr dieser Picks gesammelt. Die Ravens führen die Statistik mit 50 Picks an, gefolgt von den Cowboys und Patriots mit je 43 Picks. Die Packers rangieren auf Platz 4 mit 42 Picks.
Hätte man die letzten beiden Jahre nicht ordentlich Geld für die Smith Brothers, Turner, Graham und Amos in die Hand genommen, dann hätte man wohl weiter Platz 2 inne. Die Packers haben also pro Draft im Schnitt zwischen einem und zwei Draftpicks mehr als die eigentlich angesetzten 7 Picks. Innerhalb der letzten zehn Jahre, drei davon unter Gutekunst, sieben unter Thompson, hatten die Packers 91 Draftpicks. Das ergibt einen Schnitt von 9,1 Picks pro Draft. Weniger als sieben Picks hatte man zuletzt 2004 und damals hatte man drei Zugriffsrechte in Runde 3 und einen 1st Rounder, war also klar frontloaded. Mit einem 7th Rounder zog man Center Scott Wells, der dann Starting Center wurde und auch den Super Bowl mit den Packers gewann. Dieser 7th Rounder war illustrerweise so ein Compensatory Pick. Als Vergleich: die New Orleans Saints haben in selbigem Zeitraum (2010-2020) nur drei Mal mehr als sechs Draftpicks gehabt.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass Thompson sein Draft-Develop-Repeat bis auf wenige Ausnahmen strikt durchgezogen hat und nur für (vermeintliche) „impact player“ Geld in die Hand nahm. Compensatory Picks waren ihm wichtig, um genug zu draften – für einen steten Fluss an Talent. 
Was hat das jetzt aber alles mit Gutekunst zu tun? Der hat doch im ersten Jahr Graham und Wilkerson geholt und dann letztes Jahr mal richtig losgelegt?

Die ersten Jahre unter Gutekunst
Gutekunst hat 2018 Jimmy Graham verpflichtet, aber das Loch auf Tight End hatte auch Thompson mit Cook und Bennett versucht zu stopfen – vergeblich. Wilkerson kam mit einem Einjahresvertrag um die Ecke und war dementsprechend nicht sonderlich begehrt und kann hier vernachlässigt werden. 

Als Folge des Signings von Graham gab es 2019 im Draft keinen Compensatory Pick für die Packers. Zuvor hatte man neun Jahre in Folge immer mindestens einen Draftpick zusätzlich erhalten. Im Folgejahr war Gutekunst in der Free Agency ebenfalls aktiv und holte die Smith Brothers, Amos und Turner und die Packers bekamen auch im Draft 2020 keinen zusätzlichen Pick zugesprochen. In den Drafts 2018 und 2019 war Gutekunst immer aktiv und hatte sich weitere Picks per Trade (Clinton-Dix, Montgomery, Saints-Tausch, etc.) geholt und jeweils ausreichend Munition (um beispielsweise 2019 mit Gary und Savage auch zwei Mal in Runde 1 zuzugreifen).

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Großeinkauf von Gutekunst – Za’darius und Preston Smith

Was war aber 2020 los? 
Es wurden keine Free Agents verpflichtet. Es gab natürlich die Signings von Wagner und Kirksey, aber sie wurden von ihren Teams entlassen. Auf Grund dessen fallen beide nicht in die Berechnung der Compensatory Picks hinein. Das heißt, man wird 2021 im Draft für die Abgänge von Blake Martinez, Bryan Bulaga und Kyler Fackrell mit zusätzlichen Draftpicks rechnen können. Da die Packers Graham entlassen haben und sein Vertrag nicht klassisch auslief, wird es für ihn keinen Pick geben. Als einzigen Zugang, der eine Relevanz im Bereich der Compensatory Picks hat, zählt Devin Funchess. Sein Signing wird aber durch den Abgang von BJ Goodson ausgeglichen (detaillierte Informationen gibt’s hier: https://overthecap.com/compensatory-draft-picks-cancellation-chart/).

Man kann hier natürlich sagen, dass die Packers einerseits wenig Cap Space hatten um Spieler zu verpflichten und andererseits bei Sanders und möglicherweise auch dem ein oder anderen Linebacker im Rennen waren, aber letztlich trifft solch ein Argument auch auf alle Offseasons von Thompson zu. Im Rennen sein heißt eben nicht, dass ich jemanden letztlich auch verpflichte und damit einen Pick verliere, den ich sonst bekommen könnte. Man muss auch festhalten, dass die Packers kaum Cap Space kreiert haben (einzig durch die Entlassung von Graham), aber die Möglichkeit gehabt hätten. Man hätte beispielsweise Lane Taylor entlassen können, der letzte Saison seinen Platz an Elgton Jenkins verloren hat. Eine Entlassung von Taylor hätte zusätzliche vier Millionen Dollar erschaffen und hier sicherlich ein Mehr an Möglichkeiten offeriert.

Bemerkenswert ist es auf jeden Fall, dass man sich das erste Mal unter der Regie von Gutekunst Compensatory Picks geholt hat und wenig Cap Space zusätztlich kreiert hat für die Free Agency. Spinnt man das Rad weiter, dann fällt direkt auf, dass 2021 (u.a.) folgende Spieler Free Agents werden: LT David Bakhtiari, DT Kenny Clark, C Cory Linsley, RB Aaron Jones, RB Jamaal Williams, CB Kevin King, WR Allen Lazard, DT Tyler Lancaster, CB Chandon Sullivan und LG Lane Taylor.
Um diese Spieler zu halten bedarf es natürlich an massivem Cap Space. Wird man alle Spieler halten können? Vermutlich nicht. Die Frage nach dem „Wen halten sie?“ ist natürlich weder von uns und schon gar nicht jetzt valide zu beantworten, aber hier kann man den Kreis zum Draft 2020 schließen.

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Der Draft 2020 – Strategiewechsel?
Die Packers ziehen im Draft mit AJ Dillon einen Running Back. Zwei aktuell im Team stehende Running Backs mit Jones und Williams werden Free Agents. Hochbezahlte Running Backs sind aktuell teils ein Problem für Teams (bspw. Gurley) und gelten als sehr austauschbar. Wird man Jones hier ordentlich bezahlen oder kassiert man für Jones dann 2022 einen knackigen Compensatory Pick? Man könnte noch hinzufügen, dass Dillon vom Spielertyp her wohl ein Fit für LaFleur ist. Ist man hier auf einen Systemfit gegangen, hat Cap Space im Folgejahr kreiert und sich (wohl) noch einen zusätzlichen Pick erwirtschaftet?

Ähnlich später im Draft: Die Packers ziehen im Draft drei Offensive Lineman mit Hanson, Runyan und Stepaniak. Center Corey Linsley wird Free Agent und mit Jake Hanson steht ein Ersatz bereit. Center werden auf dem Free Agent Markt meist auch gut bezahlt. Hier also das gleiche Szenario möglicherweise wie bei den Running Backs?
Wenn man jetzt noch einrechnet, dass Billy Turner bislang enttäuscht hat und 2021 mit generierten vier Millionen Capspace zu entlassen wäre und man auch bei Wagner günstig aus dem Vertrag aussteigen kann, dann könnte man auch hier zum selbigen Schluss kommen. Potenzieller Ersatz bereits gedraftet und der optionale Cap Space durch Entlassungen/auslaufende Verträge könnte dazu dienen, einen Bakhtiari oder Clark zu re-signen.

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Jake Hanson – nächster Starting Center der Packers, der spät gedraftet wurde?

Im Verlgeich zu den Vorjahren hat Gutekunst teils auch deutlich Positionen bedient im Draft 2020, die in der aktuellen Saison mit Spielern in ihrem letzten Vertragsjahr besetzt sind. Sehen wir den Beginn von Draft – Develop – Repeat unter Gutekunst? Gibt es neben einem Coaching-Tree auch eine Art General Manager-Tree und Gutekunst hatte 2019 sein Jahr in dem er Pickett und Woodson in Form von den Smith Brothers und Amos geholt hat, wie seinerzeit Thompson 2008? Ist 2020 der Umschwung von Gutekunst hin zu Draft – Develop – Repeat mit einem guten Schuss Draft nach Systemfit zu Gunsten von LaFleur (Dillon, Deguara, etvl. Love)?

Konklusion
Wirklich bewerten können wir die Herangehensweise von Brian Gutekunst an Offseason und Draft wohl erst 2021, wenn deutlich wird, wen die Packers halten und wen sie in die Free Agency entlassen. Der kleine Umschwung dieses Jahr ist aber durchaus bemerkenswert und Gutekunst ist möglicherweise nicht der Big Spender, den wir zuerst gesehen hatten. Es bleibt auf jeden Fall eine spannende Frage und wird im Laufe der kommenden Saison besser zu beantworten sein. Besser zu bewerten wird dann auch der Draft sein (in seiner Herangehensweise, nicht der Spielerqualität, denn für Letzteres braucht es ein paar mehr Jahre), der jetzt absolute Fragen aufwirft, aber im Kontext gesehen ein Lösungsansatz für die Free Agency 2021 ist, Compensatory Picks bietet und Cap Space schafft für andere, eigene Free Agents.