Anmerkung: Da ich selbst nicht gescoutet habe, kann ich mir zu Jordan Love keine wirkliche Meinung erlauben. Mein Text wird daher nicht wirklich zu Love sein, sondern eher zu einem Quarterback in der ersten Runde.

PRO Jordan Love

Der Wert von Quarterbacks ist nicht zu messen. Ein guter Quarterback lässt einen jedes Jahr um die Playoffs mitspielen, ein herausragender macht ein Team zum Super Bowl Aspiranten – Jahr für Jahr, unabhängig vom Rest des Teams. Für die Packers war in den letzten Jahren vor jeder Saison klar, dass man den Super Bowl erreichen will – und das nicht nur pro Forma.

Insofern ist ein Quarterback, der in der ersten Runde gedraftet wird, nur folgerichtig. Und zwar fast immer – außer man hat vielleicht gerade einen Patrick Mahomes im Rookie-Vertrag. Doch auch Rodgers wird nicht mehr jünger und vor allem nicht weniger verletzungsanfällig. Zwei der letzten drei Jahre hat er entweder verletzungsbedingt nicht spielen können oder schlechter gespielt. Sein Ersatz war unterdurchschnittlich, um es freundlich auszudrücken. Mit Brett Hundley konnten die Packers keinen Blumentopf gewinnen und DeShone Kizer hätte vermutlich nicht besser ausgesehen.

Die Packers haben noch acht Picks übrig. Genug Munition, um die anderen Baustellen (auch mehrfach) anzugehen. Es sind noch viele, viele WR und ILB übrig, die man zu sich holen kann. Quarterbacks hingegen eher nicht. Der Wert an Quarterbacks und Offensive Tackles gebietet es, dass diese eben in der ersten Runde gedraftet werden. Wer einen guten Quarterback will, muss da zugreifen und auch mal nach vorne traden. Gutekunst hat sich “seinen” Quarterback geholt, genauso wie Ted Thompson Aaron Rodgers. Das beweist Mut und Weitsicht. Wenn man soweit ist, einen Quarterback verpflichten zu müssen (!), dann ist es schon lange zu spät. Hinter Rodgers zu lernen, kann keinem Quarterback schaden.

CONTRA Jordan Love

Dass Love als Rodgers-Ersatz für die Zukunft gedraftet wurde, daran besteht überhaupt kein Zweifel. Doch Rodgers ist mitten in seinem 4 (oder 6)-Jahres Vertrag über $134 Mio. Warum werfen ihm die Packers so viel Geld hinterher, wenn sie ihn offensichtlich nicht mehr die 4 Jahre spielen lassen wollen? Die Franchise ist damit auf kurze Zeit mit einem riesigen und einem mittleren Quarterback-Vertrag unter Druck – ganz abgesehen davon, dass immer noch keine Hilfe für Rodgers da ist. Wide Receiver gibt es zwar noch, aber auch die wachsen nicht auf Bäumen. Kein Wunder, dass den Packers für diese Entscheidung wenig “Love” entgegenschlägt.

Sollte sich Love nicht als der nächste Rodgers herausstellen, hat Gutekunst die Franchise auf kurze und mittlere Sicht geschädigt und zurückgeworfen.

Meine Einschätzung

Gutekunst beweist mit diesem Pick die gleichen Nerven wie Ted Thompson. Erinnert ihr euch, wie viel Unmut Thompson damals entgegengeschlagen ist? Das gleiche passiert jetzt Gutekunst. Doch wer nur für die Fans draftet, hat noch nie eine erfolgreiche Franchise aufgebaut; die Fans sind vor allem am kurzfristigen Erfolg interessiert. Gutekunst sicher auch, dennoch scheinen bei Gutekunst, wie bei Thompson, wie bei Hall of Fame General Manager Ron Wolf, die langen Linien eine mindestens genauso große Rolle zu spielen. Ganz ehrlich: Die Packers sind mit dieser Methode seit über 20 Jahren erfolgreich. Die Packers waren unter Thompson das beste Draft-Team der NFL. “Never change a running system”, so heißt es doch. Vertrauen wir erstmal auf die Weitsicht und warten wir ab, was die nächsten Draft-Tage bringen. Ich würde mich nicht wundern, wenn es am Ende wie auch 2019 heißt: Ein guter Draft, bis auf den ersten Pick. Nur dass wir diesmal den ersten Pick erst in zwei bis drei Jahren wirklich spielen sehen werden. Ist das schlimm? Überhaupt nicht. Denn mit genug Vorlauf haben die Packers auch genug Zeit, Love ganz genau unter die Lupe zu nehmen und seine Entwicklung zu fördern. Wenn es mit Love nämlich offensichtlich nicht klappt, ist immer noch genug Zeit für einen zweiten Versuch. Hall of Fame Quarterbacks gibt es eben nicht wie Sand am Meer und es ist nie früh genug, einen neuen zu finden. Soll Rodgers ruhig mit einem neuen “Chip auf der Schulter” spielen, das hat ihm noch nie geschadet, oder?