Wenn der Commissioner der Liga den Draft eröffnet, hat jedes Team 10 Minuten Zeit, seinen Pick in der ersten Runde einzureichen. Die meisten Teams schaffen es etwas schneller, aber oft läuft die letzte Minute, wenn der Pick dann eingereicht wird. Im Raum hinter der Bühne sitzen deshalb auch nur die Top Prospects des Drafts, die besten 10, 15 Spieler bekommen eine Einladung. Keiner der Prospects will drei Stunden vor laufenden TV-Kameras sitzen und immer unruhiger darauf warten, dass sein Pick endlich gezogen wird – oder, noch viel schlimmer, er vielleicht gar nicht in der ersten Runde ausgewählt wird und den Raum unversehens wieder verlassen muss.

Diesen Super-GAU konnte Aaron Rodgers 2005 knapp vermeiden. Als einer der zwei besten Quarterbacks seiner Klasse, gemeinsam mit Alex Smith, hoffte er auf eine Auswahl durch die 49ers, die als erstes ihren Pick einreichen würden. Als Kind aus Kalifornien, in der Nähe von San Francisco aufgewachsen, begabtester Quarterback seiner Klasse, war die Sache zumindest für A-Rod relativ klar. Doch es sollte alles anders kommen:

Die 49ers – zu deren Trainingsstab übrigens Mike McCarthy gehörte, der Rodgers bis vorletztes Jahr durchgehend trainieren würde – wählten Alex Smith. Und Aaron Rodgers saß in dem Raum hinter der Bühne und machte gute Miene. Was blieb ihm auch anderes übrig? Doch es blieb nicht beim ersten Pick, der Rodgers verwehrt wurde. Nach den 49ers wählten noch 22 andere Teams Aaron Rodgers nicht aus. Sie wählten auch keinen anderen Quarterback aus, für Rodgers aber nur ein schwacher Trost. An Nummer 24, nach drei Stunden qualvollen Wartens, wählten die Packers unter einigem Buhen ihrer eigenen Fans Aaron Rodgers aus. Die Fans waren wenig begeistert davon, einen wertvollen Erstrundenpick an einen Quarterback zu “verschwenden”, hatte man doch einen Hall of Famer in Brett Favre als Starting Quarterback in den eigenen Reihen. Rodgers hatte auch in den ersten zwei Jahren, die er hinter Brett Favre saß, nicht viel zu Lachen, geschweige denn vom Skandal, als er für den zurückgetretenen Favre übernahm und der dann schließlich doch zurück wollte, aber nicht durfte.

Warum kein Team einen Quarterback auswählte

Heute unvorstellbar, dass der (zweit-)beste Quarterback einer Draft Klasse bis auf Position 24 rutscht. Doch 2005 war die Lage eine andere. Mike Mayock, langjähriger Draft Experte des NFL Networks und jetzt GM der Raiders, erklärte es so:

“Die Teams brauchten entweder keinen Quarterback, hatten einen Trainer, der stark unter Druck stand und einen Veteran bevorzugte oder hatten keinen Cap Space für einen Quarterback.”

Mike Mayock

Die Regel, dass alle Rookies abstufend ihrer Draft Position weniger Geld bekommen, quasi unabhängig von ihrer Position, gab es 2005 noch nicht. Quarterbacks erhielten bessere Verträge als Spieler auf anderen Positionen. Und einige Teams konnten sich so einen Quarterback-Vertrag schlichtweg nicht leisten, weil sie nicht den Cap Space dafür hatten.

Dass Teams mit einem Quarterback eher einen Veteran holen, der nicht lange eingelernt werden muss, gibt es heute immer noch, wobei sich teilweise auch Trainer mit einem unerfahrenen Quarterback ein extra Jahr kaufen wollen.

So kam es, dass vor den Packers kein anderes Team weiter darüber nachdachte, dass ihnen hier ein Spitzenspieler durch die Lappen ging.

Doch warum holten ausgerechnet die Packers den Nachfolger von Brett Favre an #24?

Für diese überraschende Auswahl gibt es mehrere Gründe. Zum einen verfolgten und verfolgen die Packers immer noch einen Plan für den Draft, der von Ron Wolf, dem ehemaligen Hall of Fame GM der Packers eingeführt wurde. Spieler müssen gewisse physische Merkmale aufweisen können, um überhaupt in Betracht gezogen zu werden. Das hat sich bis heute übrigens nicht geändert und weder Ted Thompson, der im Jahr 2005 seinen ersten Draft für die Packers verantwortete, noch Brian Gutekunst weichen davon im Wesentlichen ab. Außerdem draften die Packers dank Wolf seit über 20 Jahren nach dem Prinzip “best player available“. Ein Prinzip, das von Wolf eingeführt wurde und besagt, dass der beste Spieler auf dem Board gewählt wird, unabhängig von seiner Position. Das führt dazu, dass die besten Spieler in Green Bay landen. Da man sowieso nicht alle Schwachstellen über den Draft decken kann, bringt es mehr, die absolut besten Spieler zu versammeln auch wenn dann manche Positionen vielleicht überproportional gut besetzt sind. Ein Grund mehr dafür, dass nach einer aktuellen ESPN-Analyse die Packers zwischen 2007 und 2017 das (mit Abstand) beste Team im Draft waren.

Ted Thompson, von Ron Wolf, seinem direkten Vorgänger ausgebildet, hielt sich seinem ersten Jahr an die bewährte Strategie und wählte mit seinem ersten Pick seinen besten Spieler überhaupt. Man mag Thompson zur Free Agency vorwerfen, was man will, aber seine Drafts waren fast immer exzellent. Viele Fans haben sich über die Jahre über das “zurücktraden” beschwert und den Drafts der Packers Langeweile und Angst vor dem Risiko vorgeworfen. Doch der erste Pick von Thompson beweist das genau Gegenteil. Ein GM im ersten Jahr wählt einen Top-Quarterback aus, obwohl das keine Baustelle ist und er damit seinen wertvollsten Spieler verärgert. Hallo? Wenn die Rubrik “Eier aus Stahl” von Jan Böhmermann für die NFL erfunden würde (und unironisch gemeint wäre), wäre Thompson ganz vorne dabei.

Des einen Leid ist des anderen Freud’ – Rodgers ist zukünftiger Hall of Famer, der begabteste Quarterback seiner Generation, bester Spieler der Packers über viele Jahre hinweg, begeistert mit unglaublichen und unfassbaren Würfen, holte einen Super Bowl nach Green Bay, war Super Bowl MVP und Regular Season MVP, ist Mitglied des All Decade Teams der 2010er und hat das beste Passer Rating der Geschichte. Auch wenn es keine Liebesbeziehung auf den ersten Blick war zwischen den Packers-Fans und Aaron Rodgers hat sich das mittlerweile gründlich geändert. Rodgers fühlt sich im kalten Norden pudelwohl, investiert in der Region, wohnt dort und die Fans danken es ihm.