Kommentar. Die Green Bay Packers stehen mit ihrem neuen Headcoach Matt LaFleur bei einem Record von 8-2. Sie haben eine 95%-ige Chance, in die Playoffs einzuziehen. Sie sind momentan eines der vier besten Teams und teilen sich die meisten Siege mit den Patriots, den Seahawks und den 49ers. Sie haben bisher alle ihre Divisiongegner besiegt, wobei ihre Divison die zweitbeste (nach Siegen) in der NFL ist.

Steile These: Das hätte man ahnen können.

Wie bitte?

Ich muss zugeben, vor der Saison habe ich den Packers einen ausgeglichenen Record vorausgesagt; irgendetwas um die acht Siege. Für die ganze Saison, versteht sich. Und um ehrlich zu sein: Ich war da nicht alleine. Viele amerikanische Experten haben das gleiche gesagt, aber einige haben auch schon während dem Training Camp einen Mentalitätswechsel festgestellt. Es ging darum, Spaß beim Training zu haben. Trotzdem dominierten in Green Bay die “Pessimisten” die Schlagzeilen. Was wurde doch über das angeblich so schlechte Verhältnis von Rodgers zu LaFleur diskutiert. Die Beziehung vom Coach zum Quarterback wurde seit letztem Dezember (!), als der Coach noch gar nicht erwähnt wurde, schon als kritisch vorausgesagt. Rodgers sei eine Diva. Rodgers könne keine “Befehle” annehmen. Er habe einen Dickkopf. Und als dann ein junger, unerfahrener Coach daherkam, naja, da war das Erstaunen groß. Dieser Kerl soll Aaron Rodgers in den Griff bekommen?

NEIN.

Denn Aaron Rodgers HAT einen kleinen Dickkopf, ist nicht besonders empfänglich für Befehle (wie es kein guter Leader für eine Mannschaft sein sollte, um das mal zu bemerken) und er ist eine kleine Diva. Wieso es trotzdem klappt?

Weil LaFleur Rodgers auf dem Weg mitnimmt. Ich will hier nicht in eine tiefe taktische Diskussion einsteigen, aber wenn ihr beispielsweise Adrian Franke von Spox auf Twitter folgt, bekommt ihr gezeigt, wie Rodgers immer noch seine meisten Würfe über die Außen nimmt und dort am häufigsten trifft. Nur: Rodgers beherrscht das System bereits so gut, dass er wieder in der MVP-Diskussion ist! Das letzte Mal dafür ist auch schon ein paar Jahre her. Er hat das erste Mal in seiner Karriere ein perfektes Passer Rating. Er lacht während der Spiele, selbst wenn es mal nicht so läuft – wie im Spiel gegen die Panthers. Er hat Spaß auf dem Feld und er hat verdammt viel Selbstvertrauen. Genau so, wie es sich für einen Quarterback des Kalibers Rodgers gehört.

Dass der andere Aaron (Jones) einer der besten Running Backs der NFL ist, war uns Packers Fans nicht erst seit diesem Jahr klar, wo er in Touchdowns die NFL anführt. Uns war es schon spätestens in seinem zweiten Jahr klar. Nur wurde er selten, und wenn dann nicht besonders klug, eingesetzt. Nun bekommt er durch das Scheme von LaFleur den Platz, den er braucht. Er bekommt Chancen im Passspiel. Und er ergänzt sich mit Jamaal Williams, einem weiteren exzellenten Ballfänger, so gut, dass LaFleur immer einen gefährlichen Running Back aufs Feld schicken kann.

Defensiv hat Brian Gutekunst gezeigt, dass er ein absolut fähiger GM ist. Seine Einkäufe haben eingeschlagen wie die Bombe. Er ist ein verdammt großes Risiko eingegangen, und wie es scheint, zahlt sich das dermaßen gut aus, dass seine Investitionen Gold wert waren. Die Smiths kommen von links und rechts, Adrian Amos sichert hinten ab und von Billy Turner hört man wenig, was das beste Zeichen für einen O-Liner ist.

Nun, aber warum hätte man das ahnen können?

Hinterher ist man immer schlauer, aber die Zeichen standen seit dem Training Camp auf Erfolg. Die Smiths überzeugten bereits im Training Camp, Aaron Rodgers wurde von uns als einer der besten Spieler auf dem Feld bewertet und die Stimmung passte. Die Reporter schrieben über die Rap-Lieder, die im Training Camp gespielt wurden, statt über verpasste Tackles (na gut, darüber auch), über Interceptions und über Receiver, die einen Ball nach dem anderen fallen lassen. Es war ruhig im Training Camp und Ruhe ist immer ein gutes Zeichen. Das heißt nämlich, es läuft alles nach Plan.

Dass die nationalen Medien in den USA jetzt wieder die Geschichten mit den Rap-Songs, mit Zitaten von “Z” Smith und dem ach-so-erstaunlichen Aaron Jones füllen, zeigt vor allem eins: Sie haben nicht genau hingesehen und nicht aufgepasst. Ich auch nicht oder, um ganz ehrlich zu sein, ich habe der Ruhe nicht geglaubt. Ich habe sie zwar bemerkt, ihr aber keine Aufmerksamkeit geschenkt. Ich war darin verfangen, dass ein Coach ohne Erfahrung mit einem neuen Scheme, mit nur einem guten Receiver (was für ein Witz #TouchdownJesus und #Lazard) in seiner ersten Saison nichts ausrichten kann.

Mann oh mann, lag ich falsch. Die Packers sind eins der heißesten Teams der NFL gerade, die 49ers haben gegen die Seahawks bewiesen, dass sie unglaubliche Schwächen haben, meiner Meinung nach viel größere als die Packers und die Seahawks haben bewiesen, dass sie einen Russel Wilson in Bestform brauchen. Die Packers hingegen haben bewiesen, dass wenn sie ihren Gegner ernst nehmen (ich sage nur Chargers), sie jeden schlagen können. Dass ein schlechter Tag der Offense von der Defense aufgefangen wird und andersrum. Dass außer den Special Teams alle einen enormen Spirit an den Tag legen. Dass sie auf den Gegner gut vorbereitet sind und – noch erstaunlicher – dass sie in der Halbzeit sich nochmal neu auf den Gegner einstellen können. Eine Tatsache, die Matt Nagy mit Trubisky auch im dritten Jahr nicht hinbekommt.

Das Schönste an der ganzen Situation ist, dass die Packers gar nicht mehr verlieren können. Denn sie werden es in die Playoffs schaffen. Auch wenn sie jetzt viele Auswärtsspiele zum Rest der Saison haben: Die schwersten Gegner haben sie bereits besiegt. Eine Woche Pause in den Playoffs würde gut tun und dann auf einen Gegner im heimischen Lambeau Field mitten im Januar zu treffen, brächte einen riesigen Vorteil. Ein tiefer Playoff-Run ist möglich bis realistisch.

Und selbst wenn nicht: Wir haben immer noch einen Coach, der in seinem ersten Jahr ist und die meisten seiner Waffen noch drei oder vier Jahre unter Vertrag hat. Die Packers werden – und das ist meine neue Vorhersage, hoffen wir, dass sie besser ist als die alte – auch die nächsten Jahre um den Super Bowl (JA, DA IST ES!) mitspielen. Und natürlich habe ich vor der Saison ein paar Euro auf die Packers als Super Bowl Sieger gesetzt. Zu enttäuschenden Quoten von 18:1 für mich, aber Las Vegas wusste es schon damals besser. Momentan stehen sie übrigens bei 9/1 oder 10/1, je nach Anbieter.