Am Mittwoch gab es den ersten Teil unserer kurzen Interview-Reihe mit weiblichen Packers-Fans. Nicht nur bei den Frauen kam dieses so gut an, sodass wir nun den zweiten Teil nachschieben. Und wir sind uns sicher, dass euch das Gespräch mit Raphaela (Twitter @raphkopf) gefallen und genau wie uns auch überraschen wird. Denn sie geht nicht nur anders an die Packers heran als Kati im ersten Teil, sondern kann als Auswanderin auch direkt „vor Ort“ sein. Wir sprachen daher mit ihr nicht nur über Frauen und die NFL, sondern auch über gelebte Rivalität in den USA und bekamen noch ein paar Tipps für den Besuch in Green Bay.

Es gibt familiäre Einflüsse

Raphaela, auch für dich die Standard-Fragen zu Anfang. Wer bist du, warum und wann bist du Packers-Fan geworden?
Ich heiße Raphaela, bin 33 Jahre und derzeit wohnhaft in Michigan. Packers-Fan bin ich etwa seit 2013 un wurde es, weil die Packers in erster Linie nicht einem Einzigen gehören, sondern den Fans. Die Tradition der Franchise in der kommerziellen NFL gefällt mir. Mein Onkel ist ebenfalls Packers-Fan, also gibt es auch ein paar familiäre Einflüsse.

Was traust du den Packers in dieser Saison zu?
Aufgrund des neuen Headcoaches finde ich es schwierig die Packers einzuschätzen. Die Offense wird sich noch eine Weile schwer tun. Wenn sie aber eingespielt ist und die Defense auf dem letzten Jahr aufbauen kann, glaube, dass sie es durchaus über die Wildcard in die Playoffs schaffen werden. Im Conference Final ist dann aber Schluss.

Und garantiert werden die Packers vor den Lions landen oder?
Klar, die Packers werden hinter den Vikings und vor den Bears landen. Die Lions bleiben Letzter.

Daheim im “Feindesland”

Du wohnst ja in Lions-Country. Musstest du in der letzten Saison sehr unter dem Sport der Löwen-Fans leiden? Oder wird Rivalität in den USA anders gelebt als bei uns?
Ich wohne, in dieser Hinsicht zum Glück, erst seit Mai in den Staaten. Die Lions-Fans sehen die Packers allerdings als DEN Konkurrenten und freuen sich dementsprechend natürlich darüber, viermal hintereinander gegen uns gewonnen zu haben. Geerell sind sie in den USA aber ruhiger was die Rivalitä angeht. Man kann ohne Probleme mit Packers-Merch rumlaufen. Es kommt dann höchstens ein kleiner Seitenhieb, aber das war es dann. Die Spiele werden gern zusammen und vor allem friedlich geschaut. Natürlich gibt es Frotzeleien, aber nach dem Spiel wird sich die Hand geschüttel und kurz darüber unterhalten, wer besser war oder verdient gewonnen hat. Nicht selten kommt einem einem auf der Straße eine „Go Pack Go“ entgegen. Ich empfinde es hier daher als sehr angenehm.

Wie ist es mit anderen Rivalitäten? Läuft es mit den Bears ähnlich entspannt ab?
So war es auch am Donnerstag in Chicago. Wir hatten das Spiel im Grant Park auf einer Leinwand angeschaut. Um uns herum waren nahezu nur Bears-Fans. Während des Spiel gab es selbstverständlich „Buh“-Rufe gegen die Packers und vor allem gegen Rodgers. Das war nach dem Touchdown im zweiten Viertel aber schnell zu Ende. Ich hatte Trikot und Mütze auf und es kam nicht ein einziger blöder Kommentar. Nach dem Spiel hab ich mich kurz darüber mit nem Bears Fan unterhalten, dass das Spiel sehr defenselastig war und die Bears auch etwas Pech hatten. Wir haben uns noch jeweils eine gute Saison gewünscht und das war es dann.

Ein Herz für Wisconsin

Wenn man dir auf Twitter folgt, dann fällt auf, dass du auch ein Herz für Wisconsin hast. Betrifft das vor allem die Uni oder auch den Staat? Und hattest du die Chance diesen und vielleicht sogar Green Bay inklusive Lambeau Field zu besuchen?
Genau. Wisconsin als Staat gefällt mir ganz gut. Wir haben letztes Jahr dort Urlaub gemacht. Neben Madison lohnt sich auch definitiv ein Besuch von Milwaukee und das Door County. In Milwaukee waren wir erst Anfang August wieder. In Green Bay selbst gibt es außer dem Lambeau Field nicht wirklich viel zu sehen. Eine kleines Stadtzentrum und das wars. Ich bin ein Fan der Badgers und konnte letztes Jahr im September ein Spiel im Camp Randall gegen New Mexico anschauen. College Football ist von der Stimmung her viel besser als die NFL. Nach dem Spiel bei den Badgers waren wir im Lambeau Field beim Seasonopener gegen Chicago. Das Lambeau Field ist definitiv eins der schönsten Stadien, die ich bisher besucht habe. Es ist riesig, laut und nicht so eine Allzweckhalle, wie sie heute gern gebaut werden. Beim Betreten entsteht tatsächlich der „Wow“-Effekt. Wir haben dort auch eine Stadionführung gemacht und die Hall of Fame angeschaut. Beides kann ich wärmstens empfehlen. Es war super interessant! Besonders toll war, dass wir bei der Stadionführung durch den Spielertunnel in den Innenraum durften. Das war klasse. In die Kabine der Packers darf man nicht, weil sie nur diese eine Kabine haben und sich dort u.a. auch für das Training umziehen. Die Gästekabine durften wir aber ansehen. Da wir jetzt „in der Nähe“ wohnen, waren wir dieses Jahr dann beim Trainingscamp. Das hat sich auch total gelohnt. So nah kommt man sonst nicht an die Jungs ran. Und die Trainingsbesuche sind kostenlos, was ja auch ein wichtiger Aspekt ist. Die Preise für Spiele sind ja doch nicht die Günstigsten.

Wow, vielen Dank für die vielen Tipps. Da wird sich bestimmt der Eine oder Andere etwas von aufschreiben wollen. Du erwähntest, dass College Football stimmungsmäßig besser ist. Kannst du das näher erläutern?
Die Marching Bands sind der Hammer. Auch das Drumherum ist ganz anders. Es ist viel lauter, viel fröhlicher. Dies ist jedenfalls mein Empfinden. Wenn man die Möglichkeit hat, rate ich jedem ein College-Spiel im Stadion anzuschauen und eventuell zum Vergleich eins der NFL. Die Amerikaner mögen an sich College Football viel lieber als die NFL.

Frauen, Football, Vorurteile

Jetzt kommen wir zu den Vorurteilen, die vor allem Männer gegenüber Frauen beim Sport haben. Erste These: Frauen schauen Sport nur, weil sie einen Sportler gut aussehend finden, weil die Trikots modisch sind oder weil Der Bart von Aaron Rodgers sexy ist….
Ja, das hört man als Frau öfters. Ich sehe das anders. Kurz Offtopi: Schon als kleines Mädchen fand ich Fussball toll und bin seit Kindertagen VfB Stuttgart Fan. Mich persönlich interessiert der Sport. American Football ist ein unglaublich schöner Sport. Die Sekunden vor dem Snap, wenn sich O-Line und D-Line gegenüber stehen und man die Spannung spüren kann, sind einfach toll. Dann geht es los und man kann zusehen, wie so ein D-Liner den O-Liner einfach mal wegschiebt. Das ist Faszination pur! Ein 180kg-Kerl schiebt einen anderen 180kg-Kerl über den Platz. Ich würde aber lügen, wenn ich nicht den einen oder anderen Kerl gutaussehend finden würde. Das man sich aber dafür als Frau rechtfertigen muss, ist anstrengend und unfair. Ihr Männer findet Erin Andrews ja auch ganz ansehnlich, aber euch wird nicht unterstellt, nur wegen der Andrews zu schauen, wobei man das bei Manchen denken könnte. Männer müssen sich trotzdem nicht rechtfertigen. Das ist komisch.

These Nummer zwei: Frauen interessieren sich nicht für Taktik oder Regelwerk! Wie stehst du dazu?
Mir gefällt auch das Taktische und das dadurch quasi (fast) jeder immer gewinnen kann. Es ist nichts verloren, wenn man im dritten Viertel mit 0:21 hinten liegt. Das Team hat immer noch die Chance zu gewinnen, wenn man als solches funktioniert. Einer allein kann zwar mit dem perfekten Wurf noch das Spiel wenden, aber damit es dazu kommt, braucht es dafür eine funktionierende O-Line, die den Weg frei hält. Und einen Receiver, der dann auch den Ball fängt. Das fasziniert mich, wie man mit einem einzigen Spielzug das Spiel noch entscheiden kann. Null Sekunden auf der Uhr, ein Snap ist noch drin, der ganz lange Pass in die Endzone und Touchdown! Ich denke, wir Frauen, die Football schauen, können mit den Vorurteilen ganz gut umgehen.

Männer können es besser!

Damit sollte These Nummer zwei eindrucksvoll widerlegt sein. Und ich kann mich davon freisprechen, dass ich wegen Erin Andrews schaue. Sie ist nicht mein Typ. Im Ernst: Viele stört, dass Frauen bei den Footballübertragungen zumeist nur Beiwerk sind und maximal an der Sideline stehen. Stört es dich als Frau, dass nur Männer kommentieren?
Dass Frauen bislang nur an der Seitenlinie stehen und kurze Interviews machen, finde ich schade. Frauen können genauso gut kommentieren wie Männer. Das ist so ein komisches Geschlechterding. Wer hat gesagt, dass nur Männer gut im Kommentieren sind? Frauen reden bekanntermaßen mehr als Männer und können mehrere Dinge gleichzeitig machen, sich z. B. aufs Spiel konzentrieren und dieses dann auch kommentieren. Ich finde die Männer, die kommentieren, nicht so toll, dass da keiner durch eine Frau ersetzt werden könnte. Ich weiß natürlich nicht, ob sich nie eine Frau bewirbt, aber wenn sich eine bewirbt, sollte sie die gleichen Chancen wie die Männer bekommen. Zumindest in den USA ist bei Good Morning-Football die Kay Adams (ich glaube so heißt sie) am Start. Sie ist definitiv nicht schlecht. Zugegeben, ein Spiel kommentiert auch sie nicht. Hier sollte man aber ansetzen. Überall wird von Gleichberechtigung geredet, aber wenn es drauf ankommt, wird gekniffen. Vielleicht weil in der Männerdomäne Football Frauen nichts zu suchen haben. Wenn sich natürlich keine bewirbt, die es drauf hat, ist das eine andere Sache. Aber wie gesagt, nicht alle Kommentatoren sind so fähig, dass das nicht auch eine Frau machen könnte bzw besser machen könnte. Generell ist es mir aber egal, ob Mann oder Frau kommentiert, so lange es qualitativ gut ist.

24:20 Packers

Gut, dann verlassen wir zum Abschluss nochmal die Pfade der brisanten Geschlechterpolitik und kommen zur letzten Frage: dein Tipp für das Spiel gegen die Vikings?
Puh, gute Frage. 24:20 für die Packers!

Raphaela, wir danken dir für die ausführlichen und spannenden Antworten!