Rashan Gary, von den Packers in der ersten Runde des 2019er-Drafts ausgewählt, erregt im Training Camp momentan mit seiner Physis einiges an Aufsehen. Wir haben mit zwei Bloggern von UMGoBlue.com gesprochen, die in ihrem Blog über Garys Alma Mater, die Michigan Wolverins, schreiben.

Packers Germany: In Deutschland kennt man sich als Football-Fan mit der NFL und deren System einigermaßen gut aus. College Football funktioniert ja aber komplett anders. Könntet ihr kurz erklären, wie das System inklusive der Auswahl für die Colleges denn funktioniert?

Drew Montag: Es gibt vier große, professionelle Sports-Ligen in den USA: Football (NFL), Basketball (NBA), Baseball (MLB) und Hockey (NHL). Zwei dieser Ligen (MLB und NHL) haben sehr gut entwickelte “minor leagues” und die Abgänger der High Schools (nicht Colleges!, Anm.) gehen normalerweise direkt von der High School in diese minor leagues – auch wenn es gute College Baseball- und Hockey-Programme gibt. In Bezug auf die NBA gibt es ein paar großartige Spieler, die direkt von der High School in die NBA gewechselt sind, wie zum Beispiel LeBron James, Kevin Garnett und Kobe Bryant. Aber die meisten High School Basketballer gehen mindestens für ein Jahr aufs College; diese Spieler werden dann “one-and-done” Spieler genannt.

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Bleibt die NFL, die ebenfalls keine minor league unter sich hat. Jeder NFL Spieler ist mindestens für ein Jahr aufs College gegangen, das Übliche sind aber zwei bis vier Jahre. Deshalb ist auch das Recruiting fürs College extrem wichtig. Es gibt vier große Anbieter, die alle relevanten High School-Abgänger bewerten und “Noten” vergeben (247 Sports, Rivals, ESPN und Scout) und die Colleges (übrigens auch die Fans) nutzen diese Rankings, um zu entscheiden, welche Spieler sie zu sich locken wollen.

Die 30 besten Spieler aus jedem Jahrgang bekommen ein 5-Sterne-Rating (“5 star recruit”, Anm.), die nächsten 300 bekommen ein 4-Sterne-Rating und so weiter. Abgesehen von den besten 10-15 Spielern bewerten die vier Anbieter die Spieler meist unterschiedlich, deshalb werden häufig kombinierte Rankings benutzt, die die Noten aller vier Anbieter kombinieren. Obwohl die Korrelation zwischen dem Ranking eines Spielers und seinem Erfolg im College durchaus hoch ist, ist das dennoch keine exakte Wissenschaft. Es ist nicht unüblich, dass ein 5-Sterne-Spieler eine enttäuschende College-Karriere hat, genauso, dass es 2-Sterne-Spieler gibt, die landesweit bekannte Star-Spieler werden. Und weil jedes College pro Jahr nur 25-30 Spieler verpflichten darf, müssen sie sehr genau darauf achten, wen sie denn verpflichten.

Phil Callihan: Der große Unterschied zwischen dem Recruiting der College-Teams und der NFL-Teams besteht darin, dass die Teams im NFL Draft die Macht haben, während sich bei den Colleges die Spieler entscheiden dürfen, wohin sie gehen. Dieser Entscheidungsprozess kann zwei bis drei Jahre dauern und meistens fällt die Entscheidung erst in ihrem letzten Higschool-Jahr. Bis die Spieler dann ihre “letters of intent” unterschreiben, haben sie also die Entscheidungshoheit – danach wechselt die Macht zu den Colleges. Allerdings hat sich das durch neue College-Regeln, wodurch Spieler das College auch wechseln dürfen, ein wenig wieder hin zu den Spielern geändert.

Packers Germany: Michigan ist eine Uni mit einer großen Geschichte. Die meisten Packers-Fans werden sich wohl an Desmond Howard erinnern, aber welche anderen Athleten hat Michigan denn noch hervorgebracht?

Drew und Phil: Da gibt es beispielsweise Tom Brady (QB, Abschluss 2000), Jim Harbaugh (QB, 1986), Anthony Carter (WR, 1981) und Charles Woodson (DB, 1997), bei den Packers von 2006-2012. Andere bekannt Spieler sind zum Beispiel Tom Harmon, Gerald Ford und Ron Kramer.

Packers Germany: Lasst uns über Rashan Gary sprechen, einer der zwei Erstrundenpicks der Packers dieses Jahr. Aus Deutschland kann man nur seine Highlight-Videos auf YouTube und seine Stats anschauen. Von ein paar tausend Kilometern entfernt ist meine Einschätzung, dass er ein “athletischer Freak” ist, der alle physischen Fähigkeiten besitzt, um in der NFL erfolgreich zu sein. Was denkt ihr darüber?

Drew: Du hast recht mit dem “athletischen Freak”: Er ist unglaublich schnell – auch nach dem Snap, ganz besonders für seine Größe. Daneben ist er aber auch schlau und sehr diszipliniert. Er war sehr selten am falschen Ort und wurde selten durch Trick Plays und Misdirections hereingelegt. Er ist schnell genug, um die meisten Running Backs und Quarterbacks von hinten zu tacklen, wenn er durchs Backfield hinterher läuft. Er macht einfach Plays, die unmöglich erscheinen.

Phil: Rashan Gary hat all die physischen Fähigkeiten und auch den Football IQ, um in der NFL erfolgreich zu sein. Die große Frage ist nur, wie wird Green Bay ihn im 3-4 System einsetzen? Ich halte Gary für einen Outside Linebacker, der den Quarterback jagen und gleichzeitig den Lauf stoppen kann. Er kann aber auch als Defensive End auflaufen. [Anm.: Genau auf diesen beiden Positionen wird Gary momentan auch im Training Camp eingesetzt.]

Packers Germany: Im College ist die Offensive Line meist nicht so stark besetzt und die Spieler haben auch nicht die technischen Fertigkeiten wie gestandene Offensive Linemen. Gary war die meiste Zeit schlichtweg dadurch erfolgreich, dass er einfach über die gegnerische O-Line “hinweggerannt” ist, weil er stärker war als seine Gegner. Er ist zwar ein schneller Spieler aus dem Stance, aber glaubt ihr, dass er die nötige Technik besitzt, um zum gegnerischen Quarterback zu gelangen und wie lange glaubt ihr, braucht er, um sich auf das Level der NFL einzustellen?

Drew: Es stimmt, dass es einen großen Unterschied von NFL zu College in Bezug auf Größe, Qualität und Technik gibt. Es stimmt auch, dass nicht alle College-Spieler es aufs NFL-Level schaffen, aber Gary scheint ein schneller Lerner zu sein. Er konnte sich auch im College schnell an die O-Lines anpassen und war schon in seinem ersten College-Jahr ein starker Spieler. Ich erwarte, dass er schnell aufs NFL-Level kommt – den nötigen Football IQ dafür hat er. Er hatte außerdem ausgezeichnete Coaches in Michigan und seine Technik hängt nicht weit hinter dem NFL-Standard zurück.

Phil: Zwei Faktoren limitierten Gary in seiner letzten Saison in Michigan: Erstens wurde er sehr häufig von zwei Spielern gleichzeitig geblockt und zweitens hatte er eine störende Verletzung. Er wurde von einem hervorragenden defensiven Coach trainiert (Greg Mattison), der auch NFL-Erfahrung hat. Ich glaube nicht, dass die Bedenken bezüglich seinem technischen Niveau aussagekräftig sind – die Gegner haben sich so sehr auf ihn eingestellt und ihr Scheme auf ihn zugeschnitten, dass er gar nicht viele Möglichkeiten hatte, seine Technik zu zeigen. Seine Kraft ist wirklich außergewöhnlich und darf (auch auf NFL-Niveau) nicht unterschätzt werden.

Packers Germany: Zusammengefasst, glaubt ihr dass Rashan Gary “es in sich hat”, in der NFL erfolgreich zu sein? Die NFL hat ihn in ihrem Draft-Rating als “sofortigen Starter”, aber nicht ganz als “möglichen Pro Bowler” eingeteilt. Würdet ihr diesem Rating zustimmen?

Drew: Ich glaube, dass das zumindest zu Beginn eine faire Bewertung ist. Er hat alle Werkzeuge, um ein Pro Bowler zu werden, aber er wird ein paar Jahre und ein wenig Erfahrung brauchen. Ich glaube, dass er in drei oder vier Jahren einer der besten EDGE Defender der NFL ist. Die Packers-Fans werden ihn lieben!

Phil: Ich glaube (auch), dass er ein sofortiger Starter ist und in drei bis vier Jahren ein “impact player” sein wird.

Vielen Dank für das Interview an Phil Callihan und Drew Montag vom Michigan-Blog UMGoBlue.com!!
Unser Profil zu Gary findet ihr übrigens hier.