Es gibt im American Football diese These, dass verschiedene Coaches aus bestimmten “Coaching-Schulen” kommen. Anders als in Deutschland, wo die Trainer allesamt vom DFB ausgebildet werden, gibt es in der NFL keinen Ausbildungsberuf “NFL Headcoach”.

Die Trainer eignen sich ihr Wissen durch verschiedene Jobs als Assistenz-Coaches und später Coordinators selbst an. Von jedem Head Coach und jedem Vorgesetzten lernen sie ein wenig dazu und übernehmen dann davon – so die These – ihren Spielstil, den sie in Zukunft selbst aufs Feld bringen.

Matt LaFleur ist ein Kind der Shanahan-Offense. Genau wie Sean McVay, hat er selbst lange Jahre bei den Falcons als QB-Coach unter Kyle Shanahan “gedient” und gelernt.

Die Shanahan-Offense

Der Grundgedanke der Shanahan-Offense ist – platt formuliert – das Täuschen des Gegners durch Langeweile.

Viele Spielzüge fangen genau gleich an – ein Screenshot des Bildschirms 2 Sekunden vor dem Snap könnte also bei einem 1st&10, einem 3rd&2 oder einem 2nd&9 möglicherweise nicht zu unterscheiden sein. Und das ist die Stärke dieser Offense: Durch Beobachten der gegnerischen Defense bei den ersten Spielzügen kann man darauf schließen, was diese beim dritten Mal mit der gleichen Formation tun könnte und dann dementsprechend handeln.

Zweimal laufen, dann ein langer Pass ist absolut keine Seltenheit aus genau der gleichen Formation – beim zweiten Mal rücken die Linebacker vielleicht in die Box und der SS nach vorne, weil ein Lauf vermutet wird. Wenn dieser dann auch kommt, fühlt sich die Defense bestätigt und ist beim dritten Mal aus der gleichen Formation eventuell etwas unaufmerksamer.

Weitere Punkte aus der Shanahan-Offense:

  • Running Backs, die Bälle fangen
  • Tight Ends, die exzessiv im Run Blocking UND Passing Game eingesetzt werden (George Kittle, 49ers beispielsweise)
  • ein Quarterback, der bestmöglich unterstützt wird und nur einfache Entscheidungen treffen muss

Und genau dieser letzte Punkt ist der Knackpunkt. In der Shanahan-Offense bekommt ein Quarterback (zum Beispiel Jared Goff bei den Rams) zwei Spielzüge zur Auswahl. Er darf aber nicht frei entscheiden: Anhand gewisser Kriterien und Bewegungen der Defense muss er zwangsläufig den einen oder den anderen Spielzug auswählen.

Kurze Sidenote: Der Grund, warum Goff 2017 so gut war, war der, dass Sean McVay ihm bei der Erkennung der Kriterien von der Seitenlinie aus half, bevor das 15-Sekunden Fenster vor Ablauf der Playclock die Kommunikation unterbrach. Seine etwas schwächere Performance 2018 lässt sich auch dadurch erklären, dass Defenses sich besser darauf einstellten und häufig erst nach dem Ende der Kommunikation ihre “wahre” Formation einnahmen. Das ist aber ein Punkt, mit dem Aaron Rodgers, der elf Jahre Erfahrung im Lesen von Defenses hat, kein Problem haben wird.

Aaron Rodgers ist ein Quarterback, der mehr kann. Er kann mehr als nur “stupide” zwischen zwei Möglichkeiten wählen und dann eine davon ausführen. Es ist kein Geheimnis, dass ein Aaron Rodgers in einer klassischen Shanahan/LaFleur-Offense unterfordert wäre. Und noch dazu vermutlich schnell genervt, weil es nicht seine Art ist, Befehlsempfänger zu sein.

Auf der anderen Seite steht aber das Problem, dass die Shanahan-Offense stark aufeinander aufbaut. Ein Ausbrechen aus der Schematik führt dazu, dass die ganze Offense keinen Sinn mehr ergibt. Es ist also keine Lösung, Rodgers einfach machen zu lassen, wie Brett Favre das neulich in einem Interview sagte.

Lösungsmöglichkeiten “durchprobiert”

Rodgers machen lassen ist keine Option, aber was könnte dann funktionieren?

Mehr Plays zur Auswahl

Rodgers zwischen zwei Plays wählen zu lassen, ist offensichtlich zu wenig. Warum also nicht drei oder vier zur Auswahl geben und ihn anhand seiner Erfahrung entscheiden lassen?

Das wäre vielleicht für Rodgers etwas angenehmer, wirkliche Freiheiten hat er dadurch aber auch nicht. Und es ergibt sich ein ganz anderes Problem: Wenn (in der Theorie) die Spielzüge exakt aufeinander aufbauen, dann können aus zwei Spielzügen bei First Down jeweils zwei andere bei Second Down und daraus jeweils zwei fürs Third Down resultieren – 2^3=8. Bei 3 Spielzügen pro Down wären das schon 27 Spielzüge, die LaFleur vorbereiten und auch einstudieren müsste. Ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man die knappen Trainingszeiten bedenkt und die Tatsache, dass Coaches meistens circa 50 Spielzüge für ein Regular Season Spiel “in der Schublade haben”. Von vier Spielzügen zur Auswahl will ich dann gar nicht erst reden.

Rodgers überreden

Dass Aaron Rodgers nicht unbedingt davon begeistert ist, in ein enges Korsett gezwängt zu werden, hat er schon deutlich gemacht. Intern sicherlich, aber auch extern gegenüber verschiedenen Medien. Damit hat er öffentlich Druck auf LaFleur ausgeübt. Dem Scheme, das der neue Coach mitbringt, etwas diametral entgegen zu stellen, zeigt einen Konflikt, den Rodgers wahrscheinlich auch für sich erst einmal verarbeiten muss.

Sollte LaFleur nun trotz dieser öffentlichen Äußerungen versuchen, Rodgers sein Scheme aufzuzwingen?

Sicher nicht. Denn Aaron Rodgers kann nicht nur sehr starrköpfig sein, er hat auch in der Lombardi Ave. 1265 mehr Macht als LaFleur. Alleine $60 Mio an Garantien, die schon ausgezahlt wurden, wurden noch nicht abgerechnet – eine irre Summe an Dead Cap. Von einem Ersatz – den die Packers nicht haben – ganz abgesehen. Eine komplette Verweigerung Rodgers’ würde die Packers frühestens 2022 wieder in die Nähe der Playoffs bringen können.

Es wäre eine Wette um seinen Job, wenn LaFleur das versuchen würde. Einen Job, den er erst seit einigen Monaten hat.

Bestimmte Teilbereiche an Rodgers übergeben

Nun bleibt festzuhalten: Man kann Aaron Rodgers nicht in ein Korsett zwingen und man sollte ihm aber auch nicht die komplette Freiheit an der Line of Scrimmage geben. Deshalb bleibt nur ein gangbarer Mittelweg als Ausweg:

Die LaFleur-Offense bewegt den Ball übers Feld und Aaron Rodgers gibt dem klein bei. Warum? Weil die Packers letztes Jahr bei 3rd downs extreme Probleme hatten, weil ihre Spielzeit signifikant kürzer als die der Gegner war, sie zu wenig selbst das Ei hatten und weil sie zu oft zu schnell wieder vom Feld waren.

Das Zugeständnis dürfte Rodgers bereit sein zu gehen, wenn er folgendes angeboten bekommt:
Er darf die Redzone Plays ansagen und er bestimmt die 2-minute offense. Warum?

Die Erklärung dafür ist logisch: In der Redzone gelten oft andere Gesetze. Die Plays, die vorher aufeinander aufgebaut haben, gelten nun nur noch bedingt, da der Gegner sowieso extrem vorsichtig wird. Auf Unaufmerksamkeiten und Regelmäßigkeiten kann man sich nicht mehr so sehr verlassen, denn die Offense- und Defense-Playbooks haben extra Spalten für die Redzone. Die Offense kann nun also nicht mehr genau vorhersagen, wie die Defense reagieren wird. Zweitens gibt es einen simplen Grund: Die Passverteidigung wird für die Defense etwas einfacher, weil die Offense nicht mehr so lange Routen laufen kann. Der Platz für die Offense ist kleiner, wenn statt 80 Yards nur 20 Yards vor einem liegen (+10 Yards Endzone).

Für den 2-minute drill gilt ähnliches: Die Offenses und Defenses bereiten sich darauf gesondert vor. Denn in diesen stressigen Phasen müssen Konzepte überarbeitet werden. Die Spielzüge müssen schneller angesagt werden, wenn man nur 10 Sekunden hat, bis der Ball wieder gesnapped sein soll und die Calls müssen weniger kompliziert sein. Rookies sind noch mehr im Stress als sonst und begehen eher Fehler (siehe Saints-Vikings letzte Saison). All das benötigt eine spezielle Anpassung.

Aaron Rodgers ist der perfekte Mann für diesen Job. Er hat eine eiskalte Ruhe auf dem Feld und er denkt auch unter Stress extrem analytisch. Wenn keine Zeit bleibt, dass LaFleur zwei Plays callt und Rodgers sich dann eins aussucht, löst sich der Konflikt schon fast von selbst.

Ein Rodgers im 2-minute drill und generell am Ende eines Spiels kann unglaublichen Schaden anrichten – Beispiele dafür gibt es zuhauf, es reicht schon das Division Spiel gegen die Cowboys oder das Spiel gegen die Bears in Woche 1. Ihn dort einzuschnüren, wo er am besten ist, wäre fatal und dazu auch noch unglaublich dumm.

Was also tun für eine erfolgreiche Symbiose?

Aaron Rodgers braucht Unterstützung im offenen Feld. Er sollte auch selbst gemerkt haben, dass er nicht alles alleine machen kann. Er mag zwar extrem schlau und gut in seinem Job sein, aber er ist trotzdem nur einer von elf Spielern, die auf dem Feld stehen. Er muss lernen, den anderen zehn zu vertrauen und wenn das über ein etwas engeres Korsett geschieht als bisher, weil er dann dazu verpflichtet ist, dann ist das für mich völlig in Ordnung.

Die offensichtlichsten Probleme sehe ich dadurch nämlich behoben: Receiver, denen er nicht vertraut und die er übersieht (er muss sich jetzt an das Scheme halten); fehlende Anspielstationen im Kurzpassspiel (es werden mehr Pässe auf Aaron Jones kommen); unendliche Throwaways (das wird, wenn alles klappt, nicht nötig sein).

Und in der Redzone und im 2-minute drill sollte LaFleur Rodgers so gut es geht helfen, ihm seine Anmerkungen und Beobachtungen weiterleiten, eventuell Tipps geben und Vorschläge machen, ihm aber die Offense überlassen.

Mit diesem Kompromiss könnte daraus ein erfolgreiches Duo entstehen. Ein weiterer Vorteil, den ich jetzt noch gar nicht angesprochen habe: Auch ein Aaron Rodgers wird irgendwann älter – und dann ist diese Offense wie gemacht für ihn. Ein blitzartig analysierender, aber nicht mehr scramblender Quarterback passt trotzdem perfekt in diese Offense und sein Nachfolger wird es damit viel einfacher haben, in der NFL voll durchzustarten. Diese Offense ist dann auch für eine “smoothe” Übergangsphase gerüstet.