Im letzten Artikel haben wir die Frage untersucht, ob Aaron Rodgers ein Quarterback ist, zu dem die Shanahan-Offense passt. In diesem Artikel haben wir ebenfalls kurz die wesentlichen Punkte der Shanahan-Offense in Bezug auf die Quarterbacks thematisiert.

Jetzt soll es darum gehen, wie Kyle Shanahan die Running Backs einsetzt. Eins ist klar: Aaron Jones wird, sollte er sich nicht verletzen, dieses Jahr mehr Yards, mehr Touchdowns und ganz besonders mehr Receiving Yards erzielen als jemals zuvor in der NFL.

Machen wir einen kurzen Ausflug in eine Shanahan-Offense, in der euch ein Running Back sehr bekannt vorkommen dürfte: Todd Gurley von den LA Rams.

RushYRushAttRushAvRushTDRecYRecAttRecAvRecTD
201812512564.917580599.84
201713052794.7137886412.36

Zum Vergleich: Aaron Jones hatte 2018 26 Receptions für 206 Yards (7.9 Avg) und einen Receiving Touchdown und 2017 9 Receptions für (Achtung, festhalten!) 22 Receiving Yards. Das Potential für mehr Yards ist also da. Man beachte, dass nicht nur Aaron Jones verletzt war (12 Spiele), sondern auch Todd Gurley nur 14 Spiele absolvierte.

Schauen wir uns jetzt also an, wie die Shanahan-Offense mit Running Backs arbeitet, wie sie diese extrem effektiv einsetzt und wie bzw. ob Aaron Jones diese Rolle ausfüllen kann oder ob es ein ähnliches “Gefrickel” wie bei Aaron Rodgers geben muss – Stichwort: Was nicht passt, wird passend gemacht.

Wie die Shanahan-Offense Running Back in Szene setzt

Running Backs als Passempfänger

Running Backs sind in einer Shanahan-Offense mehr als nur Rushing Backs. Schaut man sich beispielsweise die Production von Jerrick McKinnon bei den 49ers im Jahr 2018 (ACL!), so hat er nicht viele Rushing Yards (570) als Receiving Yards (421) mehr – von Touchdowns (3:2) ganz zu schweigen. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs: Alle Spieler in einer Shanahan-Offense sind Matchup-Waffen: Wo gibt es für jeden Spieler das beste Matchup? Dementsprechend wird der Spieler eingesetzt.

Die Matchup-Waffe

Ein Running Back hat es im Running Game eventuell schwer gegen einen massiven Linebacker, der einfach die Tür zumachen kann. Im Passing Game sieht die Sache dann ganz anders aus: Ein explosiver, schneller, ballsicherer Running Back gegen einen schwerfälligen, langsamen Linebacker? Das Matchup geht wohl in 8 von 10 Fällen an den Running Back. Mit einem Marshawn Lynch oder Eddie Lacy würde ein Matt LaFleur wenig anfangen können. Mit einem Aaron Jones oder auch Jamaal Williams sieht die Sache sehr viel anders aus. LaFleur wird dieses Matchup insbesondere bei 3rd downs einsetzen, dann wenn in kurzen Situationen viele Gegner einen Lauf erwarten. Darauf könnt ihr euch in der neuen Saison zu 100% verlassen. Kurze Pässe auf Running Backs hinter die D-Line? Das passiert zu 100%.

Die Rolle der Offensive Line

Die O-Line spielt im Running Game schon immer eine wichtige Rolle. Einige Studien zeigen, dass die O-Line sogar mehr für den Erfolg des Running Games tut als der Running Back selbst.

Wie tut also die O-Line im Running Game? In der Shanahan-Offense spielt sie ein sogenanntes “zone blocking” – sie konzentriert sich also nicht auf direkte Gegenspieler. Stattdessen hat jeder Offensive Linemen eine Zone quer vor sich (links nach vorne oder rechts nach vorne, je nach Laufrichtung), die er beschützen muss und durch die kein Gegner durchlaufen darf. Voraussetzung dafür sind schnelle Linemen, die vor allem die laterale Bewegung (seitwärts) gut beherrschen.

Praktisch für die Packers, denn das war auch in McCarthys Offense wichtig. Die seitwärtige Bewegung war in McCarthys Offense zwar nicht so entscheidend, die Physis der Linemen dagegen schon: Wenn man Aaron Rodgers fünf Minuten nach dem Snap (übertrieben ausgedrückt) noch beschützen will, kann man nicht 300 Kilo wiegen und beweglich sein wie eine Sanddüne. Schnelle und einigermaßen “leichte” Linemen waren schon bei McCarthy an der Tagesordnung. In LaFleurs Offense werden diese aber noch ein wenig leichter und beweglicher sein müssen – ein Grund für den Draft von Elgton Jenkins und die einigermaßen strittige Verpflichtung von Billy Turner.

Vorteil dieses zone blocking Schemes ist, dass sehr häufig double teams entstehen – also zwei Offensive Linemen gegen einen Defensive Lineman. Dadurch kann einer der beiden O-Linemen nach einem kurzen “bump” weiterlaufen und zum Beispiel noch einen Linebacker blocken, der in diesem Matchup natürlich keine Chance hat. Nachteil ist, dass die Linemen sich durchaus ins Gehege kommen können, wenn nicht ganz klar ist, wer beim double team bleibt und wer weiterläuft. Klappt es nicht, schießt der D-Lineman durch und mit Glück gibt es keinen Yardverlust. Klappt es dagegen, ist ein zweistelliger Lauf mit 10 oder mehr Yards keine Seltenheit.

Die Anforderungen an den Running Back

In einem (outside) zone scheme (outside heißt einfach nur, dass der Back links oder rechts an der O-Line vorbeiläuft, statt mitten durch) muss ein Running Back zwei Dinge besitzen: Geduld und Explosivität. Er muss abwarten, wie sich die Situation vor ihm entwickelt, wo sich die Lücken durch die double teams auftun, diese analyiseren und dann blitzschnell durch diese hindurchschießen. Ihr seht schon, auf wen diese Beschreibung wie die Faust aufs Auge passt…

Wer jetzt aber denkt, Aaron Jones sei der einzige Back, auf den das outside zone scheme und die Shanahan-Offense passt, der hat sich getäuscht. Denn wenn man auf die College-Vorgeschichte schaut, spielte Jamaal Williams genau in so einer Offense bei Brigham Young. In seinen vier Jahren am College (2012-2016) erzielte er nicht nur fast 4000 Rushing Yards, sondern auch 567 Receiving Yards.

Aber auch Aaron Jones kann Erfahrung im Passspiel vorweisen: Denn neben 4114 Rushing Yards (33 Touchdowns!) fing er auch den Ball für 646 Yards und sieben Touchdowns.

Sechstrundenpick Dexter Williams hat da noch ein wenig aufzuholen: Neben 1636 Rushing Yards (20 Touchdowns!) fing er den Ball “nur” für 162 Yards und zwei Touchdwons. Bei ihm kann man sich aber sicher sein, dass er nicht gedraftet worden wäre, wenn er nicht ins Scheme des neuen Head Coaches passen würde.

Fazit

So wie es momentan aussieht, sind die Packers mit ihren Running Backs sehr gut, vermutlich sogar annähernd perfekt auf die neue Offense vorbereitet. In Aaron Jones und Jamaal Williams haben sie bereits zwei starke Backs im Roster, die die neuen Aufgaben gut ausfüllen können und sich – wie Aaron Jones in den Sozialen Medien in der Offseason bereits zeigte – intensiv auf ihre neue Rolle als Passempfänger vorbereiten. Das lahmende Running Game der Packers wird um eine weitere Komponente erweitert werden, die – folgt man den Ergebnissen anderer Shanahan-Teams wie den Rams oder den 49ers, früher auch den Falcons mit Davonta Freeman und Tevin Coleman – extrem effektiv sein wird. Wir können uns auf ein interessantes und belebtes Running Game freuen, in dem Aaron Jones durch viele Lücken hindurchschießen wird.


Quellen:
1) https://www.espn.com/blog/san-francisco-49ers/post/_/id/32694/inside-the-dynamic-plays-and-schemes-built-by-shanahan-and-mcvay
2) https://fullpresscoverage.com/2018/06/22/the-role-of-running-backs-in-shanahans-offense/
3) https://bleacherreport.com/articles/1700461-how-does-mike-shanahan-always-churn-out-rb-success
4) https://dawgpounddaily.com/2014/07/09/kyle-shanahans-history-running-back-use/
5) https://www.forbes.com/sites/vincentfrank/2019/05/16/how-exactly-are-the-49ers-going-to-use-their-running-backs/
6) https://www.sports-reference.com/cfb/