Die letzte Saison ist eine, an die die Packers-Fans nicht sehr gerne zurückdenken. Mit nur sechs Siegen aus 16 Spielen früh aus dem Playoff-Rennen ausgeschieden, endete zum zweiten Mal in Folge eine Saison der Packers im Dezember. Etwas, das die erfolgsverwöhnte Franchise aus dem Norden der USA an den Great Lakes gelegen nicht gewohnt ist. Und etwas, das sich so schnell wie möglich wieder ändern soll.

Brian Gutekunst nahm dafür schon in der Free Agency ordentlich Geld in die Hand, um die größten Lücken abzudecken. Sofortige Upgrades auf beiden Outside-Linebacker-Positionen mit den Smiths (Za’Darius “Z” und Preston) und der Strong-Safety Position mit Adrian Amos, dazu dringend benötigte Tiefe in der O-Line mit Billy Turner werden den Packers sofort weiterhelfen.

Nun stand Ende April der NFL Draft an. Eine gute Möglichkeit, um einerseits starke Spieler zu sich zu holen (best player available) und andererseits, Needs abzudecken. Die zwei Punkte stehen sich meist konträr gegenüber und der Spagat dazwischen gelingt nicht immer. Wie gut gelang es Brian Gutekunst?

Das zu beurteilen, ist jetzt noch nicht möglich. Denn Spieler zu beurteilen, die noch nie einen Snap in der NFL gespielt haben, ist schwierig und für mich schlicht unmöglich. Deshalb werde ich das auch gar nicht erst versuchen. Ich orientiere mich an zwei Grundsätzen: Spieler in den ersten Runden sind meistens besser als Spieler in den letzten Runden. Zweitens, an der Position der früh gedrafteten Spieler.

Schauen wir uns also einmal die Picks an: Rashan Gary, der als Defensive End die D-Line unterstützen wird. Damit haben wir drei starke Spieler “up front” in Kenny Clark, Mike Daniels und eben Gary – auch wenn Tom Silverstein von packersnews.com anhand der kleineren Ausmaße von Daniels – sowohl in Größe als auch Gewicht – einen baldigen Abschied von ihm sieht.

Auf der Safety-Position hatten die Packers nach dem Abgang des schwachen HaHa Clinton-Dix eine Lücke, die sie den Rest der Saison nicht schließen konnten, was am Ende dazu führte, dass ein 36-jähriger Cornerback auf der Free Safety-Position spielen musste. Durch den zweiten Erstrundenpick und zwei Viertrundenpicks noch neun Positionen auf #21 vorgetradet, sicherte sich Gutekunst den besten (und ersten) Safety des Drafts, Darnell Savage. Dieser wird die Lücke sofort schließen und sich voraussichtlich gut mit dem SS Amos ergänzen. Wie vielfach berichtet wurde, unterscheiden sich die Spielstile der beiden: Während Amos der Typ “auf Nummer sicher gehen” ist und kein Risiko und auch quasi keine Fehler macht, ist Savage – wie sein Name schon vermuten lässt – eher der Typ mit der “Hau-Drauf-Mentalität”, der mit voller Geschwindigkeit auf Receiver und Running Backs zurast. Sein Spielstil ähnelt wohl dem spektakulären von Clinton-Dix der frühen Jahre (ja, das ist absurd bei einem Spieler, der jetzt gerade aus seinem Rookie-Vertrag “rausgewachsen” ist), der Clinton-Dix auch zum Pro Bowl geführt hat.

Mit Elgton Jenkins haben die Packers einen Spieler geholt, der auf allen Positionen der O-Line Erfahrung hat. Da das Heranführen an eine NFL O-Line ein wenig dauert, ist er wohl in seiner ersten Saison als Backup gut aufgehoben, wird aber sicher in Lane Taylor einen direkten Konkurrenten um den Startplatz Right Guard sehen. Hier stehen uns spannende Duelle im Training Camp bevor.

In Jace Sternberger haben die Packers einen dringend benötigten Tight End gedraftet, der vom Spielertyp dem von Jimmy Graham sehr nahe kommt. Er sollte sich aber diese Saison aber eher an Marcedes Lewis, dem blockenden Tight End-Monster, orientieren. Denn diese Fähigkeiten wird er unter LaFleur ganz besonders brauchen, wenn LaFleur wie angekündigt mehr als bisher auf den Lauf setzen wird.

In Kingsley Keke haben die Packers noch einen Backup für die D-Line, der vermutlich noch ein wenig Zeit benötigen wird. Mit Kadar Hollmann kommt dringend benötigte Tiefe für die Cornerbacks. Dringend benötigt, weil Kevin King schon jetzt wieder verletzt ist und auch diese Saison mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht die ganze Saison spielen wird. Eine Sache, die ich bisher in Bezug auf den Draft gelernt habe: Es gilt zwei Arten von Red Flages zu beachten: schwierige Persönlichkeiten (bzw. schlimmeres) und Verletzungen. Ein im College verletzungsanfälliger Spieler wird in der NFL, wo noch viel härter draufgehauen wird, genauso verletzungsanfällig bleiben, sei sein Talent noch so groß.

Mit Dexter Williams kommt noch ein Running Back, der ein bisschen Tiefe für die Backs bringen kann und in Ty Summers ein Linebacker für die Tiefe hinter Blake Martinez und Oren Burks, einem Duo, das bisher leider nocht nicht zueinander gefunden hat.

Ist der Kader tief genug?

Super Bowls gewinnt man auch mit der zweiten und dritten Garde. Denn es werden zu 100% Spieler ausfallen und es werden auch wichtige Spieler ausfallen. Wenn dann der Backup dahinter die Sollbruchstelle bildet, werden Gegner dafür planen und das ausnutzen.

In der Offensive ist die einzige Schwachstelle meiner Meinung nach die Quarterback-Position. Ok, das war vielleicht ein wenig plakativ. Sollte Aaron Rodgers ausfallen, dann wird DeShone Kizer uns nicht in Nick Foles-Manier durch die restliche Saison und Playoffs führen. Auf allen anderen Positionen ist die Tiefe meiner Meinung nach groß genug – seit dieser Offseason auch endlich in der O-Line und bei den Tight Ends, bei denen man letzte Saison einen Jimmy Graham mit gebrochenem Daumen aufstellen musste.

In der Defensive sind noch eher ein paar unsichere Rädchen, die das große Rad zum Stillstand bringen könnten: Die Tiefe bei den Safeties ist quasi nicht vorhanden, beim Ausfall von Amos oder Savage nur Josh Jones, der bisher nicht unter Beweis gestellt hat, dass er das System von Pettine auch nur im Ansatz versteht. Auch bei den OLB bleibt hinter den Smiths nach den Abgängen von Clay Matthews und Nick Perry nur Kyler “Sackrell” Fackrell übrig, für den man eigene Schemes entwickeln muss. Bei den Inside Linebackern sieht es noch schlimmer aus: Momentan – die Draft Picks haben ihre Verträge noch nicht unterschrieben – stehen auf dieser Position nur Oren Burks und Blake Martinez auf der Payroll. Auf den anderen beiden Positionen (Cornerback und D-Line) sieht es immerhin gut mit der Tiefe aus.

Brian Gutekunst hat vor allem in der Free Agency, aber auch im Draft, stark in die Defense investiert. Da diese aber derart auf dem Zahnfleisch ging, war das aber auch erstens dringend nötig und zweitens kann man sich trotzdem nicht sicher sein, dass die Packers damit gut durch die Saison kommen.

Wenn es aber nicht zur totalen Verletzungsmisere kommt, haben die Packers auf allen (!) Positionen gute bis sehr gute Starter. Die einzige Position, die von amerikanischen Fans und Journalisten konsequent schlecht geschrieben wird, sind die Receiver, was ich nur bedingt nachvollziehen kann. Ja, in den letzten beiden Jahren sind mit Randall Cobb und Jordy Nelson zwei absolute Leistungsträger gegangen. Doch in den Nachrückern steckt unglaubliches Potential: In Davante Adams steht als WR1 einer der fünf besten Receiver der ganzen NFL auf dem Platz. In Geronimo Allison hat Rodgers ein weiteres, absolut sicheres Ziel auf dem Rasen. Und selbst er muss noch mit EQ, MVS und J’Mon Moore um seinen Platz kämpfen.

Also: Die Offense ist sehr stark aufgestellt und die Defense hat auf allen Positionen bis auf ILB und CB sofortige Upgrades erhalten. Damit gilt jetzt schon: Die Bears werden sich in Woche 1 warm anziehen müssen. Denn die 22 Starter werden ordentlich Feuer unterm Hintern machen…