Heute beschäftigen wir uns mal mit einer Frage, mit der sich viele von euch vermutlich noch nicht so sehr auseinandergesetzt haben: Wie läuft ein Trade beim NFL Draft eigentlich ab?

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Eins der sehr seltenen Bilder aus dem Draft Raum der Packers (von 2006). Am Tisch (vlnr.) John Dorsey, Head Coach Mike McCarthy, GM Ted Thompson. Im Hintergrund: Ein Draft Board, vermutlich mit Team Needs der anderen Teams.

Warum traden Teams?

Nun, zunächst geht das ganze vom “Board” oder “Big Board” eines Teams aus. Jedes Team hat sein eigenes, und die Konstruktion des Boards ist die Arbeit eines ganzen Jahres. Alles, was die Scouts aus dem ganzen Land wissen und durch Gespräche und Beobachtungen lernen, alles, was die Spieler beim Senior Bowl, beim Combine und den Pro Days zeigen, fließt in die Bewertungen der Spieler auf dem Board mit ein. In der Woche des Drafts (bzw. bei den Packers zum Beispiel schon letzte Woche) ist das Board dann fertig.

Warum ist das relevant zu wissen? Nun, auf dem Board sind die Spieler nach “Qualitätsgruppen” sortiert. Das Front Office (GM, Scouts,…) könnte zum Beispiel sagen: “Ok, wir haben jetzt 10 Spieler in Gruppe 1”, dann bedeutet das, dass sie 10 Spieler relativ nah beieinander sehen und – das ist das Wichtige hier – danach ist ein mehr oder weniger klarer Cut.

Sollte das bei den Packers der Fall sein, dann könnte Interesse an einem Trade unter die Top 10 bestehen. Denn wie wir alle wissen, picken die Packers dieses Jahr an 12. Hätten sie also eine 10er Gruppe vorne, dann wäre es gut möglich, dass sie in diese Gruppe vorstoßen und dort einen der Spieler picken würden. Sollte ein Trade nicht funktionieren, weil die Teams vorne zum Beispiel zu viel verlangen, dann könnte auch ein Trade ein paar Picks nach hinten sinnvoll sein, zum Beispiel ans Ende der nächsten Gruppe, um dann dort den verbleibenden Spieler aus dieser “gleich starken” Gruppe auszuwählen.

Das ist das Grundprinzip, warum Teams überhaupt traden. Und da jedes Team ein anderes Big Board hat, versuchen viele Teams zu traden.

Außerdem wichtig: Trades gibt es quasi nur, wenn beide Teams traden wollen und ein Interesse am Spot / an den Spots des jeweils anderen haben und gleichzeitig keine Team-Animositäten bestehen. Die Giants werden niemals mit den Jets traden und vice versa, auch wenn es für beide noch so gut passen würde.

Wie werden die Picks bestimmt?

Kommen wir jetzt zu dem interessanten Teil. Angenommen, zwei Teams wollen traden. Wie können sie sich auf Picks einigen? Wie ihr vermutlich wisst, sind bei Trades fast immer mehrere Picks von verschiedenen Runden involviert. Das liegt daran, dass man versucht, den Wert der Picks ungefähr in Waage zu halten. Denn verständlicherweise will kein Team übervorteilt werden.

Wie bestimmt man den Wert eines Picks?

Früher war das eine sehr komplexe Angelegenheit. In den 90ern führte der damalige Head Coach der Cowboys, Jimmy Johnson, ein Draft Value Chart ein, also eine Tabelle, in der jeder Pick einen Punktwert erhält. Der erste Pick overall ist 3000 Punkte wert, der zweite 2600, und der zwölfte Pick der Packers ist beispielsweise 1200 Punkte wert. Würden die Packers in unserem Beispiel an Position 10 (1300 Punkte) traden wollen, dann müssten sie ihren #12 Pick hergeben und zusätzlich noch beide 4.-Runden Picks (66 Punkte und 58 Punkte) – insgesamt 1324 Punkte. Damit wären die Packers leicht benachteiligt, dies ist aber in den ersten Runden sehr oft der Fall, wenn man nach vorne traden will – insbesondere unter die Top 10. Die Packers würden also vermutlich zwei 4.-Runden Picks benötigen, um zwei Positionen nach vorne zu kommen.

Damit nicht genug: Bei Trades sind oft Picks der zukünftigen Jahre involviert. Da aber keiner weiß, wie gut das Team in der nächsten Saison abschneiden wird, muss das Front Office den anderen also einschätzen und raten. Dass das nicht immer gut geht, zeigt z.B. der Trade von Khalil Mack zu den Bears. Die Packers und Bears boten jeweils ungefähr die gleichen Picks (zwei Erstrundenpick zB). John Gruden von den Raiders (das abgebende Team) schätzte die Bears aber schwächer als die Packers ein und tradete Mack zu den Bears, um vermeintlich höhere Picks (mehr Draft Value) zu erhalten. Im Ergebenis picken die Packers an #12, die Bears bzw. jetzt die Raiders an #24.

Im Lauf der Jahre, und insbesondere durch die Neuerung, dass Compensatory Picks (Picks für abgegebene Free Agents) getradet werden dürfen, haben sich jedoch einige Änderungen ergeben. Damit ist das Jimmy-Johnson-Draft-Value-Chart ein wenig veraltet. Rich Hill, NFL Draft Analyst, hat das ein wenig angepasst und aktualisiert. Dabei berücksichtigt er alle Trades seit 2012, die ausschließlich aus Draft Picks bestanden – denn ab und zu fließen auch Spieler in die Verhandlungsmasse mit ein am Draft Day – während der Saison natürlich quasi ausschließlich.

Die General Manager haben diese Charts für sich selbst angepasst und jedes Team hat ein anderes Draft Value Chart. Für Laien wie uns bieten die beiden Tabellen (unten verlinkt) allerdings einen guten Anhaltspunkt, um ungefähr zu sehen, wie “fair” ein Trade war und wie verzweifelt ein Team nach oben oder unten wollte. Gewinner und Verlierer kann man so recht genau bestimmen. Oft zeigen die Trades aber ein relativ ausgeglichenes Bild. Denn – wie oben gesagt – ist es zwingend für das Zustandekommen eines Trades, dass beide Teams daran interessiert sind.

In diesem Sinne – genießt den Draft!

… vielleicht mit ein wenig mehr Wissen und Infos als vorher. Wenn ihr Fragen habt, wir freuen uns sehr über Kommentare unter dem Artikel.

Komplette Draft Value Charts findet ihr bei drafttek.com: Jimmy Johnson / Rich Hill